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Alexandra Gruber
Geschichte

Der Erfinder der Urkraft

Montag, 16. Dezember 2013
Ein Oberösterreicher wollte in der Zwischenkriegszeit mit Unterstützung von Kirche und Kaiser die Weltherrschaft erobern. Und nein, es handelt sich nicht um Adolf Hitler.

Er war ein Scharlatan. Ein Genie. Ein Magier. Ein Geisteskranker. Ein Messias. Ein Betrüger. Ein Guru. Ein Schwätzer. Ein Erfinder. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Mit Sicherheit ist der Oberösterreicher Carl Schappeller in Vergessenheit geraten, obwohl er in den 1920-er Jahren für nationale und internationale Schlagzeilen sorgte.

Mit Hilfe der „Raumkraft“ wollte er die Welt aus den Angeln heben. Denn wem immer es gelänge, sich diese Kraft (auch Urkraft oder Ätherspannung genannt) zu Nutze zu machen, dem wäre es möglich, Eisen oder Blei in Gold zu verwandeln, Maschinen ohne Motoren zum Laufen zu bringen, zwei Ernten pro Jahr einzufahren, Naturkatastrophen zu verhindern und Strom unabhängig von Kraftwerken zu erzeugen, behauptete er. Die Liste von Schappellers Finanziers reichte vom deutschen Ex-Kaiser Wilhelm II. bis zur katholischen Kirche, den Freimaurern und der englischen Admiralität bis zur einfachen Bevölkerung der Umgebung.

Der Schauplatz dieser merkwürdigen Geschehnisse war der kleine Ort Aurolzmünster in Oberösterreich, eine Marktgemeinde im Bezirk Ried im Innkreis. Hier leben heute knapp 3000 Menschen. In diesem unscheinbaren Dorf hätte das Zentrum dieser Macht sein sollen. Schwer vorstellbar. Unterlagen und Pläne über Schappellers Projekte sind auf teils mysteriöse Weise verschwunden. Und die Leute redeten damals so viel über ihn, dass es schwierig ist, Gerüchte von Fakten zu trennen. Die, die ihn noch persönlich gekannt haben, sind entweder tot oder waren damals noch Kinder.

„Die Frauen sind ihm zu Füßen gelegen“

Carl Schappeller
Carl Schappeller mit Ehefrau Anna

„Als Kind bin ich Schappeller begegnet. Er war ein faszinierender Mann. Doch im Ort verloren viele wegen ihm ihre Bauernhöfe und Häuser“, erzählt eine alte Dame. Einmal hätte sich eine Gruppe von Gläubigern im Dorf zusammengetan, um sich ihr Geld von Schappeller zurückzuholen. „Sie sind wütend zum Schloss gezogen und kamen mit leeren Hosentaschen zurück. Das was sie eingesteckt hatten, haben sie ihm auch noch gegeben.“ Er hatte die Menschen davon überzeugt, dass die Investition in die Raumkraft lukrativ wäre.

„Der Schappeller hat mich nie wirklich interessiert“, sagt Otto Probst. Später wird er stolz seine beindruckende Sammlung von Büchern, Zeitungsartikeln, Filmen und Ausstellungs-Schautafeln über den „Erfinder“ präsentieren. Er hat bis zu seiner Pensionierung vor ein paar Jahren eine Motorenwickelei im Schloss betrieben und war noch ein Kind, als Schappeller starb. „Mein Vater hatte eine Werkstatt im Schloss. Ich wuchs mit den Schappellers auf. Aber eben nicht mit dem Alten, sondern mit Schappellers Adoptivsohn Josef und der Tochter, der Anschy. Sie war ein Medium und sehr scheu. Niemand im Dorf kannte sie wirklich“, erzählt der braungebrannte, sportliche Mann mit den grauen Haaren.
Sein Vater, so sagt er, hätte sein ganzes Leben für diesen Mann geopfert. „Schappeller hat Reiche und Gebildete und die einfache Landbevölkerung gleichermaßen ausgenommen. Er hatte eine Ausstrahlung, dem sind die Frauen zu Füßen gelegen. Wenn die Damen Geld hatten, war es natürlich noch besser für ihn.“

Schappeller kam 1875 im Armenhaus von Aurolzmünster zur Welt und wuchs bei seinen Großeltern, einem Schusterehepaar, auf. Später war er Postmeister in Attnang-Puchheim. Dort begann er ein Verhältnis mit der Frau seines Untermieters. Seine Liebste, Anna, brachte 1903 die gemeinsame Tochter Anschy zur Welt.
1919 wurde er als Postmeister entlassen und frühpensioniert. Manche Quellen nennen als Grund Betrug und Unterschlagung. Häufiger wird von einer ärztlich attestierten Geisteskrankheit berichtet, die ihn wohl vor einer Verurteilung bewahrte. Schappeller ging nach Wien und heiratete Anna. Er dürfte in dieser Zeit die ersten Kontakte zu potentiellen Geldgebern für seine – untertrieben formuliert – ambitionierten Pläne geknüpft haben.

„Die zukünftige Zentrale der Weltmacht“

1924 schrieben erstmals die Zeitungen über Schappellers Pläne. Einflussreiche Personen wie der Linzer Bischof Johannes Gföllner und der Salzburger Dompfarrer und Bundesrat Daniel Etter gründeten mit anderen 1925 die „Verlegenheitsgesellschaft“ und kauften Schappeller die „zukünftige Zentrale für die Weltmacht“: Schloss Aurolzmünster. Der ehemalige Postmeister bekam den „Kraftraum“ für seine Erfindungen, die Spender forderten im Gegenzug eine Beteiligung an seinem Projekt. Schappeller zog in das schöne Barockschloss ein, das er als Kind sehnsüchtig nur von außen bewundern konnte. Der Bub aus dem Armenhaus wurde bei seiner Rückkehr von den Einheimischen mit Musik und Pomp im Schlosshof empfangen.
Im März 1928 floss kaiserliches Geld aus Deutschland. Der 1918 abgedankte Wilhelm II. investierte aus seinem Exil in Holland 280.000 Reichsmark aus seiner Privatschatulle. Wilhelm hoffte mit Hilfe der Raumkraft auf die Rückeroberung des deutschen Throns.
Schappeller begann mit der Renovierung seines Schlosses und kaufte sich ein Luxusauto der Marke „Studebaker“. Anna Schappeller ließ sich einen massiven Gürtel aus Gold anfertigen.

Carl Schappellers Grab
Alexandra Gruber
Schappellers Grab

In dieser Zeit kam es zum ersten Schlagabtausch zwischen Bewunderern und Kritikern Schappellers. In einem 1929 erschienen Buch über seine „Raumkraft“ wurde Schappeller gar als Erlöser der Welt bezeichnet. „Das Schlaraffenland ist zum Greifen nahe. Wer wollte dies alles dem Meister nicht zutrauen? Die Autoren versteckten sich hinter den Buchstaben X. X. Die Kritiker wollten nicht anonym bleiben. Der Wiener Hofrat Dr. Rudolf Pozdena bezeichnete Schappeller und seine Mitarbeiter in einer Zeitung als Leute, „…denen es an den primitivsten Grundelementen der neuzeitlichen physikalischen Forschung völlig mangelt und alles, was sie zeichnen und sagen, war Wirrwarr der höchsten Potenz!“ Der international renommierte Physiker Prof. Dr. Hans Thirring spricht von Schappellers Plänen „als grotesken Unsinn, Bierschwefel, unsinniges Geschwätz und einzigartige Hanswurstiade“.
Doch auch die Finanziers wurden immer ungeduldiger, denn niemand durfte die Erfindung Schappellers begutachten. „Das Hineinkommen in das Schloss war sehr schwierig, man musste sich zuerst am Postamt anmelden, dann hat man mit einem Herrn telefoniert. Dann ist der Gärtner gekommen und hat aufgemacht. Ich bin in fast alle Räume gekommen, aber über diese Geheimnisse, da haben sie nichts gelüftet“, erzählt ein Zeitzeuge 1976 dem deutschen Südwestfunk.
Manche fragten sich, warum man im Schloss trotz der unermesslichen Energiequellen, die zur Verfügung standen, Dieselaggregate zur Stromerzeugung aufstellte. Der Schlossherr hatte auch dafür eine Erklärung parat. Zunächst müsse das Gebäude, das die Wundermaschine beherberge, völlig instand gesetzt sein, um das Eindringen von Regenwasser zu verhindern.

Schappeller machte Schulden um Schulden und sagte immer wieder „Ihr werdet noch euer Wunder erleben“. Das Wunder blieb aus, irgendwann auch die Geldzuwendungen aus der kaiserlichen Schatulle. Für Schappeller wurde es eng. Wechsel wurden fällig, Gläubiger klagten, unfreundliche Schlagzeilen folgten. Ein entlarvter Prophet titelte die Süddeutsche Sonntagspost am 28. November 1929. Am 6. März 1930 kam es zur ersten Pfändung am Rieder Gericht. Die Bürgen der „Verlegenheitsgesellschaft“ beglichen Schappellers Restschulden. Dessen Suche nach neuen Geldgebern blieb erfolglos, der Messias von Aurolzmünster war gescheitert. Das Inventar im Schloss wurde versteigert, die Schappellers verschwanden bei Nacht und Nebel.

Fortsetzung: Schappeller und der Schatz des Hunnenkönigs

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