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Bild, by Marliese Mendel
„Wiener Zeit“

„Die synchronisierte Stadt“

Samstag, 18. Juli 2015
Kaum glaubt man, dass alle Facetten Wiens ausführlich beschrieben worden sind, wird man eines Besseren belehrt.

Eigentlich ist es gar nicht so überraschend, dass der Historiker und Stadtforscher Peter Payer anhand von Wetterhäuschen, Turm- und Würfeluhren der Stadtgeschichte nachspürt. Schon in den „Kulturhistorischen Spaziergängen“, der Publikation der Lebensgeschichte von Wiens berühmtester ToilettefrauWetty Himmlisch* und der historischen Aufarbeitung der Desodorisierung der Straßen - vor kaum einhundert Jahren stank es in Wien noch nach Pferdemist, Gassenkot, Leichen und Kanalisationsgasen – zeichnet er die große Stadtgeschichte anhand von ungewöhnlichen Diskursen nach.

In seinem neuen Buch „Die synchronisierte Stadt“ erzählt Payer über die Geschichte der öffentlichen Uhren, eröffnet damit einen neuen Blick auf die Stadt und spürt der „Chronometrisierung“ der Bewohner nach. Er entführt Leser und Stadtflaneure in Epochen, in denen die genaue Uhrzeit noch schwer zu bestimmen war und es zu manch skurrilen Versuchen geführt hat, diesen Missstand zu beheben.

Pneumatische Uhren

Pünktlichkeitsfanatiker hatten es im 19.Jahrhundert schwer. Zeigte die Kirchenuhr in Wieden 12 Uhr an, konnte man doch schon um 11.45 Uhr am Stephansplatz ankommen. Es mangelte an einer zentralen Stelle, die die korrekte „Wiener Zeit“ vorgab. Die öffentlichen Uhren Wiens unterschieden sich in ihrer Zeitangabe um bis zu dreißig Minuten.

Bis es schließlich gelang, dass ein Großteil der öffentlichen Turm-, Stand- und Gebäudeuhren die gleiche Zeit anzeigten, gab es zahlreiche – oft sehr kreative – Versuche. So installierte man die weltweit ersten pneumatischen Uhren: Angetrieben durch Druckluft und verbunden durch ein Rohrsystem, sollte erstmals in Wien an drei unterschiedlichen Standorten die gleiche Zeit angezeigt werden. Das Projekt scheiterte jedoch an technische Schwierigkeiten.

Es ging den Verantwortlichen jedoch nicht nur darum, endlich in ganz Wien die gleiche Zeit anzuzeigen, sondern sie zerbrachen sich auch den Kopf darüber, wie man diese den Wienern vermitteln konnte. Man installierte auf dem militärgeographischen Institut einen Zeitball, der genau zur Mittagszeit senkrecht nach unten fiel und brachte am Stephansdom gleich zwei Uhren nebeneinander an. Diese zeigten allerdings oft unterschiedliche Uhrzeiten an. Die kleinen Täfelchen der Springziffernuhr blieben immer wieder stecken. Und die römischen Zahlen am Ziffernblatt der zweiten Uhr wurden kritisiert, vermutete man doch, dass Köchinnen, Lehrlinge und Hausknechte diese nicht kennen würden.

Ankeruhr

Auf der Urania stand eine Kanone, die genau um 12 Uhr mittags abgefeuert werden sollte. Täglich trafen sich Taschenuhrbesitzer vor dem Gebäude und warteten auf den Schuss, um ihre Uhren danach zu stellen. Oft lauschten sie vergeblich, denn so manche technische Komplikation verhinderte den mittäglichen Knall.

In der heutigen Akademie der Wissenschaften musste ein Amtsdiener täglich zur Mittagszeit zwölf Mal an einem Seil ziehen, das mit der Glocke im westlichen Turm der Jesuitenkirche verbunden war. Der 12. Schlag sollte mit dem ersten Ton der Turmglocke am Stephansdom korrespondieren. Doch bei Schlechtwetter konnten die Zuständigen in der k.k. Sternwarte am Dach der ehemaligen Universität die exakte Zeit nicht bestimmen und die Wiener warteten vergeblich auf die korrekte Uhrzeit.

Aber in Wien fehlt es um die Jahrhundertwende uhrenmäßig auch noch an etwas anderem. Etwas, das Graz, mit seinem Uhrturm und London mit seinem Big Ben schon hatte: eine Prunkuhr. Das änderte die Lebens- und Rentenversicherungsgesellschaft „Der Anker“ mit dem Bau einer Linearuhr zwischen zwei neu errichteten Gebäuden. Auf einer Brücke ziehen bis heute zwölf Personen der Wiener Geschichte mit Musikbegleitung an den Betrachtern vorbei. Im Inneren wurde eine Orgel mit 800 Pfeifen installiert, die täglich zur Mittagszeit erklingt. Die Reaktionen auf die Uhr waren unterschiedlich, lobten sie die einen als hochmoderne Sehenswürdigkeit, meinten die anderen, es sei eine „Kunstuhr mit Musik und beweglichen Manderln.“ Die für 1914 geplante Eröffnung wurde wegen des Krieges abgesagt, aber es gab ein einstündiges Orgelkonzert, dem mehr als 1000 Menschen lauschten. Schließlich setzte man sie 1918 einfach ohne Tamtam in Betrieb.

Würfeluhren

Die erste alleinstehende Ständeruhr samt Gasbeleuchtung wurde 1865 Am Hof aufgestellt, kurz darauf eine weitere in der Leopoldstadt. Doch die Uhren gingen falsch, blieben stehen, die Ziffernblätter vergilbten oder wurden von Werbeplakaten überdeckt. Der Durchbruch gelang schließlich mit den Würfeluhren, die heute noch ein Teil der Wiener Stadtidentität sind.

Das Wiener Stadtbauamt wies das „Uhrenreferat“ an, eine weithin sichtbare Uhr zu entwickeln. Gemeinsam mit der Firma Schauer erfand es die elektrische Würfeluhr. 1907 wurde der Prototyp an der Opernkreuzung aufgestellt - eine kleine Revolution der Zeitanzeige. Die exakte Zeit war nun für Passanten von allen vier Seiten ablesbar. Heute sind die 74 noch erhaltenen Würfeluhren ein unverzichtbares Stadtmöbel geworden.

Peter Payer spürt in seinem Buch auch dem Trend der „Veruhrzeitlichung“ nach: warum es im 19. Jahrhundert so wichtig wurde, die genaue Zeit zu kennen und zu kommunizieren. Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung der österreichischen Variante von „Time is money“, geht er auch den Auswirkungen der stetigen Präsenz der Uhrzeit nach und beschreibt, wie die über 200 öffentlichen Uhren ein Ermahnen an die Bewohner sind, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen.

*Ob es tatsächlich die Memoiren der Toilettenfrau sind, ist bis heute ungeklärt. Es könnte durchaus sein, dass Wetti Himmlisch das Pseudonym des Wiener Journalisten und Schriftstellers Vincent Chiavacci (1847-1916) ist.

Peter Payer,
Die synchronisierte Stadt. Öffentliche Uhren und Zeitwahrnehmung, Wien 1850 bis heute
Erschienen bei Holzhausen
Euro 34,50

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