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Marliese Mendel
LGBT

„Ich bin kein schwuler Polizist, sondern ein Polizist, der schwul ist“

Wednesday, 26. February 2014
Der Regenbogenball ist einer der alljährlichen Höhepunkte der LGBT-Gemeinschaft. Besucher aus der ganzen Welt kommen jährlich zu dieser Veranstaltung nach Wien. Das Parkhotel Schönbrunn, prächtige Roben und elegante Smokings bildeten die Kulisse für ein Interview mit Vertretern offen schwuler Polizisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Josef Hosp ist der einzige geoutete Polizist in Vorarlberg und stellvertretender Obmann des Vereins Gay Cops Austria. Seit 2007 kämpfen er und rund 100 Mitglieder der Gay Cops gegen Vorurteile, sexuell orientierte Hasskriminalität und Homophobie und dienen als Anlaufstelle für Hilfesuchende. 2012 hatte in Deutschland und Österreich immerhin noch fast die Hälfte aller LGBT-Personen (Lesbian, Gay, Bi, Transgender) Diskriminierung an eigenem Leib erfahren müssen; mehr als ein Drittel davon wurde tätlich angegriffen. Allerdings wurden nur 17 Prozent der Fälle tatsächlich angezeigt, weil viele Homosexuelle sich nach wie vor fürchten, die Übergriffe bei der Polizei zu melden. Hosp und seine Vereinskollegen möchten diesen Missstand ändern.

Damit sind die österreichischen Gay Cops nicht allein: Unter dem Dachverband European Gay Police Association haben sich zwölf nationale Vereine zusammengeschlossen. Einige ihrer Vertreter sind zum Regenbogenball angereist.

Schweiz: PinkCop

Peter Sahli ist Präsident des 2008 gegründeten Schweizer Vereins PinkCop. Betreffend das Image schwuler Polizeibeamter wiegelt er ab: „Ich bin kein schwuler Polizist, sondern nur ein Polizist, der schwul ist“. Der Verein war vor fünf Jahren von 21 schwulen und lesbischen PolizistInnen „spaßeshalber“ gegründet worden; man wollte gemeinsam mehr unternehmen. „Bis dahin haben wir uns ein bisschen versteckt. Nur mein Vorgesetzter wusste, dass ich schwul bin“, sagt der Stadtpolizist, „aber wir wussten nicht wie unsere Kollegen reagieren würden.“

2009 wurden sie eingeladen, an der Europride teilzunehmen. Die PinkCops veranstalteten in diesem Rahmen die erste Schweizer Konferenz zum Thema „Polizei und Homosexualität“. „Das ging natürlich nicht, ohne uns zu outen“, sagt Sahli. Die Reaktionen zu ihren ersten Schritten in die Öffentlichkeit waren gemischt: In der Züricher Stadtpolizei gab es Lob und Respekt ob ihre Mutes, in der Kantonspolizei gab es aber auch Widerstand: „Ein Mann produzierte sich als Sprachrohr für die heterosexuellen Polizisten. Er warf uns vor, diese mit unserer „Mediengeilheit“ in Geiselhaft zu nehmen“. Diese Reaktion habe sie aufgerüttelt und angespornt, weiter zu machen. Inzwischen hat der Verein PinkCops 140 Mitglieder.

Deutschland: VelsPol

Homosexualität ist in der Schweiz bereits seit 1942 legal; zum Vergleich: in Österreich ist gleichgeschlechtliche Liebe erst seit 1971 erlaubt, die letzten Einschränkungen fielen erst 2002; die Weltgesundheitsorganisation betrachtete Homosexualität bis 1991 gar als psychische Krankheit, und auch Deutschland – in vielen Punkten wesentlich progressiver als Österreich – strich den Paragraphen 175 („Unzucht unter Männern“) erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch. Noch im gleichen Jahr gründete sich der „Verein lesbischer und schwuler Polizeibediensteter“ (VelsPol).

Anlass dazu war die Recherche eines Journalisten, der Informationen über homosexuelle Polizisten suchte; da aus den Innenministerien kaum Informationen zu erhalten waren, schaltete er private Kontaktanzeigen in frei käuflichen Polizeimagazinen, worauf es zu ersten Treffen kam: 30 Polizisten tauschten sich erstmals über ihre Homosexualität aus. „Einige Kollegen berichteten unter Tränen, was ihnen auf der Dienststelle passierte,“ sagt Ulmer, Hauptkommissar aus Baden-Württemberg. In Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen entstanden Organisationen. „In den SPD-regierten Bundesländern war es einfacher, sich zu etablieren als in CDU-regierten. „In Baden-Württemberg konnte die damalige CDU-Regierung nichts mit Angelegenheit anfangen.

Es war Igitt-Thema für sie. Homosexuelle Polizisten entsprachen nicht dem Klischee vom traditionellen Gesetzeshüter, der verheiratet ist, zwei Kinder hat, einen Mercedes fährt und in einem Einfamilienhaus wohnt. Schwule steckten in einer Schublade. Sie seien feminin, trügen Federboas und Stöckelschuhe, könnten nicht mit einer Waffe umgehen, seien zu weich für den harten Polizeidienst.“ Inzwischen hat sich das Bild etwas geändert.

Ehegattenzuschlag

In Deutschland gibt es mittlerweile zehn Landesverbände, die im 2002 gegründeten Dachverband vereint sind; in Bayern dauerte dies bis 2008. Johannes Träumer von dem bayrischen Landesverband kümmerte sich fortan um Themen wie Ehegattenzuschlag, Anerkennung des Lebenspartners im Beamtenrecht, Hinterbliebenenversorgung. Auch in Bayern war es nicht leicht, bei offiziellen Stellen Gehör zu finden: „Die ersten drei Jahre wurden wir kategorisch ignoriert, keiner unserer Briefe wurde beantwortet. Wir erhielten nicht einmal Empfangsbestätigungen. Erst nach einem persönlichen Gespräch beim Polizeipräsidenten wurde der Verband wahrgenommen.“

Outing und Mordermittlungen

Träumer hatte sich lange vor seinem Outing gefürchtet: ein Kollege in Berlin hatte bei der Schlichtung einer Rangelei auf die Hilfe seiner Kollegen verzichten müssen, weil die erst schauen wollten, ob der schwule Kollege auch „hinlangen“ kann. Im Extremfall könnte solch ein Verhalten tödlich enden. Seine Erfahrungen waren dann aber besser als befürchtet: Er arbeitet gemeinsam mit seinem Lebensgefährten in der Einsatzzentrale, ohne weitere Probleme: „Den nettesten Satz sagte mein Schichtleiter: Solange ihre eure Arbeit macht ist es mir wurscht und solange ich euch nicht vom Schreibtisch ziehen muss, ist mir das erst recht wurscht. Auch der Polizeipräsident sagte zu uns: wenn ihr Probleme habt, gemobbt werdet, dann kommt ihr zu und richte die schon nach Norden aus.“

SoKo

Ulmer, der Baden-Württemberger Hauptkommissar („zwei Dienstgrade über Derrick“), pflichtet Träumer bei: „Bei der internen Kommunikation zwischen Kollegen wurde es manchmal etwas seltsam. Die heterosexuellen Polizisten erzählten von ihren Kindern und Urlaub mit den Ehefrauen. Als ich noch nicht geoutet war, musste ich eine Art Scheinwelt aufbauen. Ich legte mir Routine zu, ausweichend zu antworten, aber dennoch nicht zu lügen.“

Offiziell outete sich Ulmer 2001 bei einem Praktikum im Zuge seines Studiums an der Polizeihochschule. Er erhielt einen Anruf, ob er bei einer Sonderkommission bei der Aufklärung eines Mordes an einem Schwulen mitarbeiten wollte. „Der Leiter der SoKo wusste nicht, dass ich schwul bin. Er meinte, er hätte er mich schon viel früher geholt, wenn er das gewusst hätte. Dann hätten die heterosexuellen Kollegen nicht tagelang mühsam nach Informationen über die Schwulenszene suchen müssen“. Der Mordfall wurde letztlich nicht geklärt. „Ein Grund dafür, dass der Fall nicht gelöst wurde, könnten die Vorbehalte der Ermittlungsorgane gewesen sein. Der Mord geschah in einem kleinen Schwulenlokal und die heterosexuellen Kollegen fürchteten sich davor angefasst zu werden und wollten nur ganz schnell wieder raus“, mutmaßt Ulmer.

Ermittlungsansätze

Wie hilfreich die Ermittlung durch schwule Polizisten sein kann, zeigt ein Mord an einem 81jährigen im Herbst 2011 in Bayern. Die heterosexuellen Kollegen konnten sich nicht erklären, wieso der Mörder sein Opfer fast nackt ausgezogen und abseits der Straße in ein hohes Gestrüpp geschleppt worden war. Der Lebensgefährte von Träumer konnte dies leicht erklären: der Tatort war in der Nähe einer Cruising-Area, eines Treffpunkts für Homosexuelle. Es ist normal, sich hier zu treffen und dann im Gebüsch zu verschwinden. Das Mordopfer war also wahrscheinlich nicht mit Gewalt ins hohe Gras gebracht worden, sondern mit dem Mörder freiwillig dort hin gegangen.

Ziele und Erfolge

Die Vereine haben in den letzten Jahren viel erreicht: im Kanton Zürich referieren die PinkCops regelmäßig an den Polizeischulen über Homosexualität und Transsexualität, auch wenn die akzeptanz oft nur oberflächlich bleibt: „Es ist alles gut was ihr macht, solange ihr mir nicht zu Nahe kommt.“ Peter Sahli geht es vor allem darum, dass Polizeischüler selbst erkennen, ob sie Probleme mit Homosexuellen haben und dass sie lernen, damit umzugehen.

Ein weiteres Ziel ist es, Opfern von Übergriffen den Weg zur Polizei zu erleichtern: „Oft denken die, sie seien bei der Polizei nicht willkommen. Wir bieten Hilfe an, wenn es in Ausnahmefällen zu Schwierigkeiten kommen sollte oder wenn ein Opfer sich nicht traut, Anzeige zu erstatten.“ Er wünscht sich von der Politik, dass Angriffe aufgrund der sexuellen Orientierung zusätzlich als Diskriminierung gelten, wie dies bereits bei ethnisch motivierten Übergriffen der Fall ist.

In Deutschland wird bei Übergriffen die Kategorie „sexuelle Orientierung“ bereits aufgenommen – theoretisch. „Der Zusatz, der im Formular an sich enthalten ist, wird viel zu oft überlesen und dementsprechend nicht ausgefüllt.“ Daher ist auch für die deutschen Verbände Sensibilisierung im Rahmen der Polizeiausbildung wichtig. Außerdem soll es mehr Ansprechpartner für Menschen mit gleichgeschlechtlicher Lebensweise geben; immerhin: in Berlin gibt es zwei Vollzeitstellen.

Die österreichischen Kollegen referieren einstweilen nur in Polizeischulen in Wien und Vorarlberg. Dort ist das Echo aber großteils positiv. Es gibt weiters Projekte mit der IG Soziologie der Uni Graz, um Zahlen zu Hasskriminalität und Homophobie zu ermitteln. In weiterer Folge soll dann nach Lösungsansätzen und Möglichkeiten dieses Ergebnis in Gesetzen anzuwenden erarbeitet werden.