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Ahnenerbe (2)

Wie der Pianischt unsere 50.000 Euro rettet, über ein altgermanisches Opfer und was sonst noch alles passierte auf der Jagd nach dem Schatz der Nordalpen.

„Mander, ’s isch Zeit!“, ruft der Pianischt, vulgo „Andre Hofer“, um Thorwart, Odinfried und Ramses, die Überbleibsel vom letzten Kommers, zu motivieren, die Summe von 50.000 Euro aufzustellen. Dafür würden wir ihnen zeigen, wo der Schatz der Nordalpen liegt – eine Flasche mit einem Stück Leintuch samt Fleck vom Führer-Bett aus dem Bunker, die einzig bekannte Samenspur ihres großen Idols. In einer Tiroler Gletscherspalte hat sie die Zeit überdauert, zumindest wollen wir, dass die drei das glauben.

 

„Moment noch“, sagt Thorwart.

„Nicht so schnell mit den jungen Pferden“, sagt Odinfried, „woher sollen wir wissen, dass all diese Angaben auch stimmen?“

Selbst Ramses stiert nicht länger in sein Bierglas sondern fragend auf den Pianischten.

„Woll, woll“, entgegnet dieser, „oa Tirola sogt de Wohrheit! Imma! Beim Aundenken vom Huaba Sepp!“

Nun müssen wir unbedingt die letzten Zweifel ausräumen. Bloß wie? Ich beschließe, mir die Antwort am WC zu überlegen.

„Gehscht schiffen?“, fragt der Pianischt „Wort, i kumm mit!“

 

„Scheiße“, sag ich neben ihm an der Pissrinne. „Wie kriegen wir die jetzt dazu, das Geld rauszurücken?  Mir fällt nichts ein, was wir als Beweis präsentieren könnten.“ Langsam werde ich nervös. Von der Decke bröckelt Verputz und überall blüht der Urinstein. Betrunken zu sein an einem solchen Ort ist sehr zu empfehlen.

„Ha, i hobsch!“, ruft der Pianischt, nachdem er die Tür in den Gang geöffnet hat. „Schau auf de Tapetn!“

Die Tapete ist altersbraun und löst sich an vielen Stellen von der Wand. Generationenlang haben hier wohl Träger voller Blasen auf dem Weg zur Erlösung immer wieder kleine Stücke davon abgerissen. Das tut nun auch der Pianischt. Ich gehe schon mal vor zu unseren Kunden. „Wort“, schreit er noch, „i brauch dei Toschnmessa!“

 

„Wie isses nun mit einem Beweis?“, fragt Thorwart etwas später am Tisch.

„50.000 sind kein Pappenstiel“, wirft Odinfried ein, „wenn unsere Verbindungsbrüder diesen Betrag aufbringen sollen, dann brauchen wir noch Motivation, handfeste Beweise“.

Ramses stiert bestätigend.

„Nuuun“, setze ich an, aber mir will nichts G’scheites einfallen. Da nähert sich der Pianischt, setzt sich und blickt forsch in die Runde. „Ihr wolltsch oan Beweisch? Do hobtschn!“ Er legt ein kleines, rechteckiges Stück der Tapete auf den Tisch.

„Was soll das sein“, fragt Thorwart.

„Sieht alt aus“, stellt Odinfried fest.

Ramses stiert, nun wieder interessiert.

„Dos isch a Liftkortn!“, sagt der Pianischt.

„Ja, falle ich ihm ins Wort. Das ist die Liftkarte vom Deutschen. Die hat ihm der Huber Sepp abgenommen, bevor er ihn in die Gletscherspalte geworfen hat.“

Thorwart und Odinfried blicken verständnislos, Ramses glotzt irritiert.

„Nachdem er damals die Flasche mit dem fleckigen Leintuch in der Gletscherspalte versenkt hat, schien ihm mit der Zeit dieses Versteck nicht mehr ganz so würdig, wie es sein sollte. Da hat er dann in den fünfziger Jahren, als wieder Touristen zum Schifahren gekommen sind, eines Abends, kurz nach Liftschluss...“

„...in letschtn Schifoara vun da Pischtn gfongt.“

„Jens Uwe Frankfurter war sein Name.“

„A Deitscher vom reinschtn Bluat woar desch! Dem hot da Huaba Sepp mit de bloßn Händ in Schädel eingschlogn, eam ausgsacklt und eam daunn, splitternockt, in de Spoitn gwurfen.“

„Das war irgendwas Altgermanisches, ein Opfer quasi.“

„Ja, das macht Sinn“ sagt Thorwart, nun hell erfreut.

„Jawohl, ein altgermanischer Ritus“, bestätigt Odinfried, „ein Opfer, das den Ort weiht mit seinem Blut, und eine Seele, die den Hort bewacht in alle Ewigkeit“.

„Na siagscht“, sagt der Pianischt, „und desch do, des isch de Liftkorten von dem Deitschn!“

„Ja, sagt Thorwart und greift ehrfürchtig nach dem Stück Tapete, „das könnte wirklich aus dieser Zeit stammen“.

„Zweifellos“, sagt Odinfried, „nur entziffern lässt sich darauf nichts mehr“.

„Liftkorten homsche domols bei insch nur gaunz schwoch bedruckt, aber segtsch des Loch do rechts oben! Do hot de Liftkorten oana obzwickt!“

„In der Tat!“, ruft Thorwart staunend aus „Die ist tatsächlich entwertet.“

„Was für eine Opfergabe!“ Odinfrieds Stimme bebt vor Ehrfurcht. „Ein Deutscher reinsten Blutes hat quasi sein Leben gegeben, um seinem Führer in der Ewigkeit beizustehen.“

„In Walhalla!“ grölt Ramses

„Wir gehen nach Tirol und bergen SEINE Gene!“ jauchzt Thorwart begeistert.

„Lasst uns so bald als möglich aufbrechen, Kameraden!“, stimmt Odinfried ein.

„Zuvor aber anstoßen!“, jubelt Ramses, „Bier her, ganz viel Bier!“

Nun sind sie endlich überzeugt und der Wirt bringt eine Runde. Wir stoßen an auf die „heilige Expedition“. Dann noch eine Runde auf den „getreuen Huaba Sepp“, dann eine weitere „aufn Jensch Uwe!“ und noch eine auf die Gentechnik. Das war ungefähr der Moment, wo Ramses zuerst mit dem Kopf auf die Tischplatte krachte und danach auf den Boden. Es folgten noch ein paar ungustiöse Trinksprüche von Torwart und Ohrenfreund, aber da war ich mental schon ganz weit entfernt.

 

Aufgewacht bin ich etwas später auf einer Parkbank. Der Pianischt liegt daneben im Gebüsch, die drei Narbengesichter sind verschwunden. Aber egal, sie kennen ja meine Telefonnummer. Habe sie extra auf einem Bierdeckel notiert. Sicher kümmern sie sich bereits emsig um das Geld. Irgendwo auf dem Weg zum Großen Patschergurgl werden wir beide uns dezent aus dem Staub machen, um 50.000 Euro reicher! Was für ein großartiger Plan! Da kann überhaupt nichts mehr schiefgehen.

Der Trinker würde sich selbst nie Alkoholiker nennen. Denn sein Bier schmeckt ihm nur in guter Gesellschaft. Ansonsten hält er es mit George Bernard Shaw: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“ Geboren tief im Süden, im Jahre Woodstock, lebt er seit bald zwanzig Jahren in Wien. Wie alle „Zuagrasten“ aus der Provinz wollte er diese hier vergessen. Nüchtern gelingt das nur schwer, trägt doch jeder seine ganz persönliche Provinz mit in die Hauptstadt, wo sie dann auf die gelebte Provinz der Wiener trifft. Erst Alkohol weicht die Grenzen auf, beseitigt Hürden der Vernunft und lässt entstehen, was eine Weltstadt ausmacht: Freiheit. Er würde sich selbst nie Alkoholiker nennen. Trinken ist für ihn ein Spiel mit der Realität, Wahnsinn auf Zeit, Eintrittskarte zu einem Schauspiel, wo Absurdes Theater nüchternen Alltag von der Bühne fegt. Wenn dann Masken und Etikette fallen, wird alles möglich und der Mensch lässt sich nicht länger verstecken. Auf die Begleitung seines Hirns muss man dort verzichten, und der Bauch spricht eine völlig andere Sprache als der Kopf. Die wichtigsten Dinge im Leben, davon ist er überzeugt, muss man fühlen, rational lassen sie sich nicht erfassen. Wie also nüchtern diese Welt betreten, mit unseren durch Jahrtausende der Zivilisation verkümmerten Sinnen? Unmöglich! Was hätte die Menschheit ohne Alkohol schon vollbracht? Es gäbe wohl nur die halbe Kunstgeschichte, wahrscheinlich die schlechtere Hälfte. Grenzen sind Illusion, das hat er erkannt, aber auch, dass Grenzenlosigkeit in die Leere führt. Sein Bier schmeckt ihm erst in guter Gesellschaft, und ist sie wirklich gut, dürfen Runden auch weit länger dauern als bis zum frühen Morgen. Künstler, Lebenskünstler, echte Wiener und andere Wahnsinnige, sie alle bevölkern seine Reise entlang dem schmalen Grat zwischen Sucht und Abstinenz.