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Angriff der Elefanten

Schachspieler haben oft wenig zu lachen, darum haben sie sich wenigstens ein paar lustige Eröffnungsnamen ausgedacht.

Normalerweise geht man Unglücksfällen der Geschichte aus dem Weg. Außer man ist Schachspieler und verfügt über einen eigenwilligen Humor, doch sonst keinerlei nennenswerte Begabung: Dann nämlich erkennt man in einer missglückten Filmparodie von 1978 eine Chance und erfindet eine hirnrissige Eröffnung, die man danach benennt: Den Killertomatenangriff.

Da kein Mensch sie freiwillig spielen würde, war für diese Zugfolge noch kein Name vergeben – ein Glücksfall für jemanden, der seinen 15 Minuten Ruhm bisher vergeblich hinterhergelaufen ist. Es gibt einige solcher Nonsens-Eröffnungen mit skurrilen Namen, etwa das Teufelshorn, den Mistkäfer oder den Taliban-Angriff mit den Untervarianten Afghanisch-Taliban und Usbekisch-Taliban. Nach demselben Prinzip hätte ich ebenfalls etwas in petto: Als Weißer ein schnelles Damenopfer auf f7, das nenne ich dann Atompilz von links.

Es existieren selbstverständlich auch halbwegs und sogar sehr respektable Varianten, die seltsame Namen tragen. Gerne bedient man sich im Tierreich: Der Igel hat zwar nur vier Stacheln, er und die Eidechse erscheinen aber häufiger leibhaftig am Brett als der Geier-Pinguin, der Hippopotamus, der Pterodactyl (ein Flugsaurier) oder das Elefantengambit. Dieses heißt so wegen eines Läuferzugs, und der heute durch einen Bischof symbolisierte Läufer war im antiken indischen, persischen und arabischen Schach eben noch ein ganz profaner Elefant. Der Orang-Utan wiederum ist gar nicht mal so selten – und hat mit dem russisch-österreich-polnisch-französischen Meister Savielly Tartakower (1887–1956) einen prominenten Taufpaten. Der griff mitunter selbst zuallererst zum b-Bauern und meinte, dieser klettere flott voran wie ein Affe auf den Baum.
Wir stellen uns das bildlich vor und fest, dass nur Primaten Ärsche haben. Dieser Tatsache verdanken wir die schöne Eröffnungsidee Monkey’s bum. Als ihr Schöpfer sie in den 1970ern einem Freund präsentierte, soll dieser erklärt haben: „If that works then I‘m a monkey‘s bum!“ Ob ihm der Spitzname geblieben ist, ist nicht überliefert, für die Variante hat er sich jedenfalls gehalten. Die doch etwas despektierliche Bezeichnung schaffte es sogar ins honorige British Chess Magazine, die seit 1881 erscheinende, älteste noch existierende Schachzeitschrift der Welt.

Kindergarten und Kalaschnikow

Während der Kindergarten-Angriff tatsächlich ziemlich harmlos ist, darf man sich in anderen Fällen nicht vom Etikett täuschen lassen: Ein Grünfeld-Inder ist keine Droge, und wer den Colle-Aufbau wählt, ist nicht unbedingt besonders aufgeklärt, denn Edgar Colle (1897–1932) war mit Oswalt Kolle (1928–2010) weder verwandt noch verschwägert. Man kann sich seinen Namen eben nicht aussuchen. Das wird sich vielleicht auch Jacques Mieses (1865–1954) gedacht haben, der uns lehrte, dass ein Mieses-Gambit nicht zwangsläufig minderwertig ist.
Die Sizilianische Verteidigung ist beruhigenderweise weniger bedrohlich, als sie für Außenstehende klingen mag, obwohl sie mit einer Kalaschnikow-Variante, einer Drachenvariante und einem Grand-Prix-Angriff aufwartet. Außerdem gibt es eine Mafia-Verteidigung, allerdings als Antwort aufs Königsgambit.

Dazu zwei Schmankerl aus der Küche der italienischen Schachschule: Beim Zweispringerspiel im Nachzuge (das schachliche Gegenstück zum Anzug) sind die kulinarischen Mitbringsel Marco Polos spürbar, es geht mitunter süß-sauer zu: Die solide Lolli-Variante (nach Giambattista Lolli, 1698–1769) ist geradezu ein Zuckerschlecken im Vergleich zum feurigen Fegatello, bei dem man an selber Stelle einen Springer opfert. Dessen Name kommt von der Redewendung „fatto come un fegatello“ („erledigt wie ein gebratenes Stück Leber“) und hat sich international als Fried-Liver-Attack bzw. Gebratene-Leber-Angriff etabliert.
Und weil alles, was oben reinkommt, irgendwann unten raus muss, ist es manchmal höchst trivial: Dreimal dürfen Sie raten, wo den Erfinder der Toilet Variation der Geistesblitz traf.

Dunkle Mächte am Werk in Wien

Nur am Rande erwähnt seien die Apocalypse Attack, das Mousetrap Gambit, das Mokele-Mbembe (eine Art kongolesisches Ungeheuer von Loch Ness), die vorsintflutlichen Ice Age-Openings sowie die Nescafé-Frappé-Attack, bei der offensichtlich ein Werbefuzzi die Hand im Schachspiel hatte und sich einen feuchten PR-Traum erfüllen konnte.
Man darf hoffen, dass dieser Ausrutscher einst korrigiert wird, denn Umbenennungen sind möglich: Müller-Schulze-Gambit klang einem deutschen Programmierer wohl zu fad für diese scharfe Eröffnungsvariante, er führte sie einfach als Helloween-Gambit neu ein. Den deutschen Nachbarn ist klarerweise auch die Berliner Mauer zuzuschreiben. Wird sie am Brett errichtet, muss man immerhin nicht damit rechnen, dass sie im Anschluss 28 Jahre lang stehen bleibt.
Wir enden mit einer guten Nachricht für Lokalpatrioten: Die Wiener Partie ist nicht etwa eine schnöselige Kokser-Hautevolee, sondern eine seit mehr als 150 Jahren bewährte Art, ein Match zu beginnen. Und für die Unerschrockenen hält sie eine Frankenstein-Dracula-Variante parat.