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Fußtritte aus der Schutzgruppe

Wie so oft haben ein paar Fußball-Funktionäre total versagt. Jetzt liegt es wohl an den beiden Profis Peter Schöttel und Andreas Herzog, den angerichteten Schaden zu reparieren.

Als Schutzgruppe bezeichnet man die unterste aller Unterligen. Die dort spielenden Klubs sind daher vor dem Abstieg geschützt. Trotzdem fand im April 2016 auf diesem Niveau ein spannendes Match statt: Johann Gartner besiegte Ludwig Binder 310:249 – würde man die Stimmen der 559 Vereine in ein Fußball-Resultat umwandeln also 3:2. Sogar in diesem Wahlkampf um den niederösterreichischen Fußball-Landespräsidenten wurden ein paar Schmutzküberln ausgeschüttet.

Warum Sie diese offensichtlich völlig uninteressante Schutzgruppen-Story trotzdem zu Ende lesen sollten?

Johann Gartner, Bürgermeister der 3467-Seelen-Gemeinde Ziersdorf, versucht offenbar gerade, den österreichischen Profifußball zurück in die Steinzeit zu befördern.

Er legt ein Bekenntnis zum wissenschaftsfreien Fußball ab – also zum Dilettantismus.

Er spricht einigen Spielern die Intelligenz ab.

Natürlich hat Gartner nicht im Alleingang mit Teamchef Marcel Koller und Sportdirektor Willi Ruttensteiner Schluss gemacht, sondern gemeinsam mit anderen so genannten „Landesfürsten“ und mit den drei Vertretern einer international bedeutungslosen Schutzgruppe namens Bundesliga, die als eine von wenigen europäischen Ligen noch nie einen Europacup-Sieger hervorgebracht hat.

Damit jetzt kein Pauschalurteil entsteht: Die Landespräsidenten aus der Steiermark, Vorarlberg, Oberösterreich und Kärnten, sowie ÖFB-Präsident Leo Windtner haben sich dafür ausgesprochen, Willi Ruttensteiner als Sportdirektor weiterarbeiten zu lassen. Die Kampfabstimmung endete 8:5 gegen Ruttensteiner. Die Ära Koller war bereits am 15. September mit einer Mehrheit von 10:3 beendet worden.

Und damit jetzt auch kein Vorurteil entsteht: Der neue ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel ist ein zielstrebiger Experte mit Erfahrung. Der voraussichtliche neue Teamchef Andreas Herzog war jahrelang Österreichs Teamkapitän und hat an der Seite von Jürgen Klinsmann im Betreuerteam des US-Nationalteams eine hervorragende internationale Ausbildung genossen.

Es besteht also durchaus Hoffnung, dass Schöttel und Herzog den höchst professionellen und teilweise erfolgreichen Weg ihrer Vorgänger fortsetzen können. Zumal es sich bei den aktuellen Teamspielern eben um keine Schutzgruppen-Kicker, sondern größtenteils um international anerkannte Profis handelt. Genau das hat diese Mannschaft erst neulich durch zwei Siege in den letzten Gruppenspielen der bereits aussichtslosen Qualifikation für die WM 2018 eindrucksvoll bewiesen. Mit Kampfgeist und Klasse haben die Spieler die hervorragende Arbeit Marcel Kollers und seines Betreuerstabs gewürdigt.

Sie haben gleichzeitig eine glasklare Protestnote gegen den Provinzialismus beim ÖFB deponiert. Keineswegs nur verbal in ungewöhnlicher Schärfe, sondern vor allem sportlich. Die Spieler protestieren Seite an Seite mit fast allen Fachjournalisten des Landes und im Einklang mit der überwiegenden Mehrheit der Fußballfans. Letztere wurden unter anderem vom Salzburger Landespräsidenten Herbert Hübel verärgert, der die treuen Anhänger im ORF indirekt zum Daumendrücken und Goschenhalten aufforderte. So stark war die Phalanx jedenfalls noch nie, obwohl Österreichs Fußball historisch betrachtet ja schon sehr oft von dilettantischen Handlungen und jämmerlichem Versagen getragen war.

Die Entrüstung richtet sich gegen Funktionärsarroganz und Föderalismus. Nein, diesmal geht es nicht um Politik, sondern um Fußball. Kantönlidenken, wie Kollers Landsleute sagen, ist die mit Abstand schlimmste Plage im österreichischen Sport. Ein Virus, das nicht einmal zu mutieren braucht, weil es ja sowieso kein Gegenmittel gibt.

Der gegenwärtig etwas überforderte ÖFB-Präsident Leo Windtner hat gar nicht versucht, diese Seuche in den Griff zu bekommen. Er hat dem österreichischen Fußball das Erfolgsduo Koller/Ruttensteiner einst beschert. Jetzt musste er beide opfern, obwohl er seine Stimme sowohl für Koller als auch für Ruttensteiner abgegeben hatte. Auch er ist ein Ofer der Kantönli-Seuche. Doch die letzte Konsequenz hat er nicht gezogen. Nein, Windtner ist nach diesen beiden durchaus auch persönlichen Niederlagen nicht zurückgetreten. Er war ja erst im Juni 2017 im Amt bestätigt worden. Übrigens mit einer Genestimme: Der des Salzburgers Herbert Hübel.

Die Kantönli-Seuche bricht nach jeder gescheiterten Qualifikation aus. Ihr ist nicht beizukommen. Sie schlummert in festgerosteten Statuten, die den Landespräsidenten eine schwer überzogene Macht verleihen. Die Fürsten könnten sich nur selber abschaffen. Da ist es aber wahrscheinlicher, dass Donald Trump und Kim Jong Un ihre eigenen Rücktrittsgesuche unterschreiben.

So wird also auch in Zukunft ein Amateur-Gremium das Schicksal des österreichischen Profi-Fußballs mitbestimmen.

Es wird Teamchefs ohne ersichtlichen Grund und ohne vorbereitete Alternativen aus dem Sessel schießen.

Es wird verhindern, dass gute Arbeit auch nach Rückschlägen kontinuierlich fortgesetzt wird.

Es wird überhastet Sportdirektoren bestellen, ohne ihnen Zeit zu geben, einen Plan vorzulegen.

Es wird mangels Weiterbildung moderne wissenschaftliche Arbeit als Alchemie verurteilen.

Es wird Bäume fällen, wo nur Äste zu schneiden wären.

Und es wird Zweigerln stutzen, wo ganze Wälder gerodet werden müssten.

Andreas Herzog und Peter Schöttel dürfen sich nicht in diesen Strudel hineinziehen lassen. Sofern die beiden überhaupt als Duo bestellt werden, müssen sie sich von Beginn an gegen alle Fußtritte aus der Schutzgruppe zur Wehr setzen. Sonst spielt Österreichs Team bald wieder mit Andorra, San Marino, Malta, Liechtenstein und Gibraltar in der europäischen Schutzgruppe.

Jürgen Preusser
Das unüberschaubare Feld des Sports pflügt und pflegt Jürgen Preusser, seit er 19 Jahre ist. Hauptsächlich und lange Zeit hauptberuflich journalistisch. Von zehn Olympischen Spielen durfte er vor Ort berichten. Segeln, Spielen und Schreiben – das ist und bleibt seine S-Klasse. Wien sieht ihn nur noch in Ausnahmefällen, der Wienerwald hingegen dauernd.