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Samsara

Vom ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens: Jede Partie hat unweigerlich ein Ende. Aber die Figuren werden nur verräumt, um sie später wieder hervorzuholen.

Als Schachspieler steht man dem Tod sehr nah. Ist man ein Durchschnittshölzschieber, ist man nämlich circa 100 und überlegt am Sonntagnachmittag schon einmal, was eigentlich „danach“ kommen könnte. Ist man jünger, kennt man die Friedhöfe der Umgebung bereits ganz gut und hat auch immer einen gepflegten schwarzen Anzug griffbereit im Kasten hängen – schließlich geht man alle ein, zwei Jahre zum Begräbnis eines Schachfreunds. Wir sind quasi im Aussterben begriffen.

Die Gottesäcker sind voll mit Schachspielern. Allein am Wiener Zentralfriedhof liegt ungefähr eine Million davon. Keine Übertreibung: Umfragen zufolge beherrscht jede(r) Dritte das Brettspiel zumindest in den Grundzügen. Und rund drei Millionen Verstorbene beherbergt die Grünfläche an der Simmeringer Hauptstraße. Darunter unberühmte Amateure genauso wie echte Koryphäen wie Richard Réti, Rudolf Spielmann sowie Ernest Franz Grünfeld die uns hier, bei den Romantikern, bereits begegnet sind). Wer ein echter Wiener Schachspieler sein will, sollte schon einmal zu den letzten Ruhestätten dieser alten Meister gepilgert sein.

Schach matt

Es ist kein Wunder, dass Schächer zu makabren Betrachtungen neigen: Ein mögliches grausiges Ende wohnt jeder Partie inne, denn der Tod („Matt“) des gegnerischen Königs („Schah“) ist das Ziel, wenn man sich ans Brett setzt. Zuvor müssen außerdem noch eine Menge Figuren dahingemetzelt werden. Das Spiel enthält allerdings ebenso ein Element der Reinkarnation, da Bauern sich wieder in Figuren verwandeln können – doch vor allem hat der Schachbegeisterte die tröstende Gewissheit, dass einer beendeten Partie stets eine neue folgt. Bis es dann irgendwann einmal doch die letzte gewesen sein wird. Aber selbst dann bleibt etwas zurück: Die Matches lassen sich nachspielen und nacherleben, denn die Begegnungen und das damit verwobene Gefühl vergisst man nicht. Wenn man mit einem selbst nur entfernt Bekannten öfter Schach gespielt hat, ist es, als kenne man ihn gut, und behält ihn entsprechend im Gedächtnis.

Eine kleine Schachpartie ist in ihrem Verlauf eine Metapher auf das große Weltgeschehen als auch auf viele einzelne Lebensgeschichten. Der persische Gelehrte ʿOmar Chayyām hat diesen Vergleich vor sage und schreibe fast 1000 Jahren in vier magische Zeilen gegossen:

 

Welt ist ein Schachbrett, Tag und Nacht geschrägt

Wo Schicksal Menschen hin und her bewegt

Sie durcheinanderschiebt, Schach bietet, schlägt

Und nacheinander in die Schachtel legt.

 

Unendliche Geschichte

Jede Existenz muss unerbittlich vergehen. Draußen ist es nebelig, als wäre Allerheiligen, und gerade ist wieder eine Zeitspanne abgelaufen: 2015. Wenn ich am Ende dieses Jahres Bilanz ziehe, bleibt der Tod eines geliebten Menschen als prägendstes Erlebnis übrig. Er hat immerwährende Spuren hinterlassen, denn ohne ihn hätte diese Partie einen unterschiedlichen Verlauf genommen. Andere Akteure dagegen sind noch gar nicht in Erscheinung getreten. Fix ist: Wir spielen weiter.