Foto:MA48/Felicitas Matern
Fundbüro

Auf „verlorenem“ Posten

Dienstag, 18. März 2014
Zehntausende Fundstücke werden pro Jahr in Österreich abgegeben. Kurt Mrzena, der Leiter des Fundamtes im 15.Wiener Gemeindebezirk, erzählt, warum manche Funde vier Beine haben, welche Gefahren in Fundboxen lauern und wie er selbst sein eigener Kunde wurde.
Handy
Alexandra Gruber
Handys werden oft verloren

Den Weihnachtstag vor fünf Jahren wird Kurt Mrzena nie vergessen: Nur wenige Minuten vor Büroschluss brachte ein kleines Mädchen einen Hund zu ihm: Sie hatte im Park gespielt, der herrenlose Vierbeiner war stundenlang an einem Baum angebunden gewesen. Herr Mrzena arbeitet nicht im Tierheim, sondern im Fundamt des Magistratischen Bezirksamtes im 15. Wiener Gemeindebezirk. Aber da Tiere nach österreichischem Recht als „Sachen“ gelten, landen eben manchmal auch Hunde, Katzen oder Wellensittiche bei ihm. Die Promenadenmischung holte schließlich die Tierrettung ab – und Mrzenas Weihnachtsfest war gerettet.
Die häufigsten Fundsachen sind freilich Ausweise, Geldbörsen, Schlüssel, Taschen und Handys. Aber Mrzena weiss: „Es gibt nichts, was nicht verloren wird. Mit dem, was in einem Jahr gefunden wird, könnte man sich ohne Probleme einkleiden und einen Haushalt einrichten.“
Allein in Wien wurden im Vorjahr etwa 50.000 Funde verzeichnet. Dazu kommen Zehntausende weitere in den übrigen Bundesländern. In der Bundeshauptstadt sind über 300 Gemeindebedienstete in den Magistratischen Bezirksämtern neben Melde- und Passangelegenheiten auch mit Fundsachen beschäftigt. Auf der Website fundamt.gv.at kann man mittlerweile auch als Privatperson in ganz Österreich nach Verlorenem suchen oder Gefundenes bekanntgeben. In der Datenbank sind derzeit unter anderem Schneeketten, ein Toaster, ein Vogelkäfig samt Vogel und ein Rasierapparat zu finden – aber auch drei Gasrevolver und eine Softgun.

Neues Zuhause für knapp 50.000 Funde

Schirm
Alexandra Gruber
Vergessene Schirme

In den über 2300 österreichischen Gemeinden sind die Fundämter heutzutage in der Regel im Gemeindeamt beheimatet. Bis 2003 waren Polizei und Gendamerie zuständig. In Wien gab es heuer zum Jahreswechsel eine große Umstellung: Da übersiedelte das Zentrale Fundservice von der Magistratsabteilung 54 zur MA 48, die auch für den Müll zuständig ist. Zusätzlich zu den 19 Magistratischen Bezirksämtern kann Gefundenes damit nun auch in die Fundboxen der 19 Wiener Mistplätze geworfen werden.
Dass das Zentrale Fundservice von der MA54, die den gesamten Einkauf der Stadt Wien vom Klopapier bis zum Bürosessel tätigt, nun zur MA48 gewandert ist, hat laut MA48-Sprecherin Ulrike Volk vor allem logistische Gründe: „Die Zahl der Funde steigt. Seit einer Gesetzesänderung Anfang des Jahres landen auch Dinge, die in ÖBB-Zügen im Großraum Wien gefunden werden, bei uns. Im Jahr sind das allein von der ÖBB um die 3000 Objekte. Die MA48 hat mehr Lagerplatz, die Synergien mit der Abfallverwertung sind größer.“
Insgesamt lagert in der Halle der MA48 derzeit in Regalen und Containern eine beachtliche Sammlung von Schirmen, Kleidung und Krimskrams. Volk: „Bei manchen Sachen fragt man sich, wie die Leute sowas verlieren können. Wir haben beispielsweise auch ein paar Dutzend Krücken da.“

Waffen in der Fundbox

Fundbox
Alexandra Gruber
Inhalt kann gefährlich sein

Laut Gesetz müssen die Objekte ein Jahr aufgehoben werden. Was in dieser Zeit nicht abgeholt wird, geht an den Finder, wird verkauft, landet im Dorotheum oder wird vernichtet (wie etwa Schlüssel). 50 bis 60 Prozent der Gesamtmenge wird „ausgefolgt“, erklärt Volk. Im Klartext heißt das: Die Sachen werden ihren Besitzern oder im Falle eines Eigentumsanspruchs ihrem Finder ausgehändigt. Inkludiert in dieser Zahl sind auch Dokumente, die im Falle eines Verlustes an die ausstellenden Behörden zurückgeschickt werden.
Seit die Bezirksämter mit den Fundangelegenheiten betraut sind, koordiniert Kurt Mrzena auch die anderen 18 Fundämter in Wien in Sachen Training und Mitarbeiterinformationen. Dass nun die MA 48 für die Abholung zuständig ist und diese auch die großen Fundboxen hinterm Haus leert, begrüßt er sehr: „Wir hatten ja selbst auch Schulungen und Spezialhandschuhe, aber die Kollegen von der Müllabfuhr haben einfach das entsprechende Knowhow und wissen, wie sie die Dinge angreifen.“ Der Griff in die Fundbox sei schließlich nicht ganz ungefährlich, weiß der Beamte: „Es lagen auch schon Waffen und gebrauchte Spritzen drin.“

Fundsachen mit Biss

Hinter jeder Fundgeschichte steckt auch eine Menschengeschichte. Mrzena hat im Laufe seiner zehnjährigen Tätigkeit schon viele gehört: Am verzweifeltsten war wohl das australische Touristenpaar, das einen Tag vor dem Heimflug die Tasche mit Pässen, Geld, Kreditkarten und Flugtickets verlor. Die australische Botschaft stellte schließlich Heimreisezertifikate aus und streckte das Geld für den Rückflug vor. Einer alten Dame wiederum wurde das harte Schnitzel in einem Wiener Gasthaus zum Verhängnis – sie musste ihre „Dritten“ herausnehmen und ließ sie im Lokal liegen. Mrzena: „Sie hat dann noch öfter bei uns nachgefragt, aber leider hat sie sie nicht mehr wiederbekommen. Ihre Enkelkinder halfen ihr schließlich mit einem neuen Zahnersatz aus der Patsche.“

Kunde im eigenen Haus

Mrzena kennt das Wechselbad der Gefühle von „Verlierern“ aus eigener Erfahrung: „Ich hab selbst einmal den Zentralschlüssel der Schule angebaut, in der mein Fußballverein ist.“ Damals hat sein Hund ihm geholfen, ihn wiederzufinden: „Ich hatte sein Foto als Schlüsselanhänger. So war mein Schlüssel in der Datenbank schnell zu identifizieren.“
Während der Beamte aus dem Nähkästchen plaudert, leert er den Briefkasten „seines“ Bezirksamtes vor der Tür. Seit hinter dem Haus die große Fundbox aufgestellt wurde, landen nur noch wenige Funde im Postkasten vor dem Eingang. Die Ausbeute eines Tages: Zwei Geldbörsen, ein Studentenausweis, ein Führerschein, drei Personalausweise. Die Besitzer der Ausweise werden noch heute angerufen werden. Mrzena hält die Wertsachen und Dokumente ganz fest in seinen Händen. Schließlich will er ja nichts verlieren...

www.fundamt.gv.at

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