crocheteria
crocheteria, by crocheteria
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Wiener Läden

„Häkeln ist wie Fahrrad fahren“

Montag, 18. August 2014
Selbermachen liegt wieder im Trend. Edith Simöl hat eine Nische entdeckt und sich in ihrer „crocheteria“ in Wien-Neubau auf das Häkeln spezialisiert. Warum Häkeln meditativ sein kann und gar nicht so altbacken ist wie sein Ruf, erzählt sie im Interview.
„crocheteria“
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Edith und Jasmin Simöl

„Häkeln war immer ein Stiefkind,“ sagt Edith Simöl und spielt damit auf das inzwischen wieder sehr populäre Stricken an. „Wir versuchen, dem Häkeln dieses altmodische Oma-Image zu nehmen. Man kann wesentlich mehr damit machen als kratzende Westen.“

Simöl hat im Februar 2013 die crocheteria, einen Häkelshop in der Neubaugasse, eröffnet. Ihre 21-jährige Tochter Jasmin hilft im Laden aus – und häkelt ebenfalls. Ist Häkeln mittlerweile cool geworden? Wäre durchaus möglich, denn die Handarbeitskurse, die in der crocheteria angeboten werden, sind gut besucht. Und zwar von Frauen aller Altersgruppen. „Etwas selber zu machen tut einfach gut. Die meisten Kundinnen legen Wert auf selbstgemachte Einzelstücke. Die Idee, damit Geld zu sparen, kann man aber mittlerweile vergessen,“ erklärt Simöl.

Gehäkelter Lampenschirm aus Draht

crocheteria
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Die Wienerin war lange Zeit Psychologin, danach 15 Jahre in der EDV-Branche. „Dann wollte ich etwas machen, das mir Spaß macht.“ Von der EDV zum Häkeln? „Meine Großmutter und meine Mutter waren Schneiderinnen, mein Vater Polstermöbelbezieher. Ich bin mit solchen Materialien aufgewachsen, zumindest als Hobby spielte Handarbeiten in meinem Leben immer eine Rolle.“ Vor ein paar Jahren sei ihr dann aufgefallen, wie Wollgeschäfte und Strickcafés aus dem Boden schossen. „Da dachte ich mir: ‚Die Häkel-Gemeinde braucht auch ein Zuhause.‘“

Das Häkelrepertoire in der crocheteria geht weit über Topflappen und Hauben hinaus. Neben Garn und Wolle wird auch mit Materialien wie Draht, Seilen, Bast, Plastik oder Stoffstreifen gearbeitet. „Diesen Lampenschirm habe ich aus Draht gehäkelt,“ sagt sie und zeigt auf ein Ausstellungsstück in ihrem Schaufenster. Der ungewöhnlichste Auftrag sei ein gehäkeltes Abendkleid gewesen. „Ich habe es für eine Schauspielerin angefertigt, die die Kunigunde in Das Käthchen von Heilbronn gespielt hat. Es reichte bis zum Boden und hatte lange Ärmeln. Ich habe etwa fünfzig Stunden daran gearbeitet.“

„Die Motorik vergisst man nicht“

Factbox

crocheteria das Häkelatelier
Neubaugasse 80/16-19
1070 Wien

Öffnungszeiten: Di-Fr: 11:00 bis 18:00 Uhr,
Sa: 11:00 bis 15:00 Uhr
www.crocheteria.at
Seit neuestem bietet die crocheteria zusammen mit dem Reisebüro Odyssee Häkelreisen an. Dabei werden unter anderem spezielle Betriebe besucht und alte Häkeltechniken vorgestellt.

Für Ungeübte, die trotzdem selber etwas fertigen wollen, bietet Simöl zwischen vier und fünf Kurse pro Woche an. Die meisten drehen sich ums Häkeln, aber auch Strick- oder Perlenkurse werden angehalten. So manche Wiedereinsteigerin entdeckt in der crocheteria, dass der Arbeitsablauf noch immer gespeichert ist. „Häkeln ist ein bisschen wie Radfahren, die Motorik vergisst man nicht wirklich.“

Manche Frauen würden aus therapeutischen Gründen mit dem Handarbeiten beginnen. „Häkeln hat etwas sehr Meditatives, das belegen Studien. Es kann der erste Schritt sein, wieder mit den eigenen Händen etwas zu schaffen.“ Mit Stricken würde das selbstverständlich genauso funktionieren, gibt Simöl zu. „Aber beim Häkeln kann mir halt nur eine Masche runterfallen,“ sagt sie und lacht.

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