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Fritz
Fritz, by Marliese Mendel
Stadtspaziergang

Shades Tours

Samstag, 12. März 2016
Fritz ist obdachlos, und er ist Stadtführer. Bei den „Shades Tours“ erzählt er von seiner Welt und zeigt Institutionen her, die das Leben von Armut betroffenen Menschen leichter machen.

Fritz ist rasiert, geduscht und er trägt saubere Kleidung. Das war nicht immer so. Vor einigen Jahren geriet sein Leben in eine Schieflage: Er konnte den Wohnungskredit nicht mehr bezahlen und verlor die Wohnung. Gemeinsam mit einem Freund teilte er sich darauf eine Weile eine 28 m² kleine Gemeindewohnung, bis er auch dort ausziehen musste. Die Stadt vermutete, er hätte die Wohnung untervermietet. Er verkaufte seine Sachen, ging weiterhin zur Arbeit und schlief in einem Hotel. Als er seinen Job als Eisenlackierer verlor, musste er auch dort ausziehen. Er stand auf der Straße und hatte keine Ahnung, an wen er sich um Hilfe wenden kann.

Ein Bekannter erzählt ihm vom „P7 – Wiener Service für Wohnungslose“, dem „Booking.com für Obdachlose“. P7 vermittelt Betten in den Wiener Notschlafstellen. Hier findet Fritz sein erstes Bett und bekommt auch eine Postadresse. Diese braucht er, damit er weiterhin Arbeitslosengeld beziehen kann.

Bis zu zwölf Männer teilen sich ein Zimmer für die Nacht, es ist laut. Fritz kann nicht schlafen, findet nach vielen unruhigen Nächten keine Kraft mehr, sich einen neuen Job zu suchen. Im Sommer übersiedelt er auf die Donauinsel, unter die Nordbrücke. Eine Gemeinschaft bildet sich. Sie bauen aus weggeworfenen Liegestühlen Betten, aus kaputten Einkaufswägen Griller und werden immer wieder von der Polizei vertrieben. Irgendwann zieht Fritz in eine betreute Wohneinrichtung, wo er nicht mehr täglich um 7.00 Uhr morgens auf die Straße muss, und kommt zur Ruhe.

Er hilft ehrenamtlich in der Notschlafstelle Gruft, teilt Spenden aus oder gibt Kurzführungen für Interessierte. Finanziell ist die Lage immer noch prekär: Die Bank schickt ihm monatlich eine Zahlungserinnerung, die Verzugsspesen des Wohnungskredits akkumulieren sich. Den Betrag wird er nie zurückzahlen können. Selbst bei einem Privatkonkurs, bei einem Selbstbehalt von zehn Prozent wäre die Summe bei einem gut dotierten Fulltimejob nicht finanzierbar. Auf die Frage, ob er jemals wieder aus der Obdachlosigkeit raus kommen wird, antwortet er trotzdem fröhlich: „Ja, ich arbeite dran.“

VinziPort – Schlaftstelle für EU-Bürger

„Überhaupt könnt ihr mich alles fragen,“ sagt er zu den TourteilnehmerInnen von „Shades Tours“. Eine kleine Gruppe sitzt im Aufenthaltsraum des VinziPort. Der ersten Station des Stadtspaziergangs zu sozialen Einrichtungen in Wien. Es sind StudentInnen der Technischen Universität, die über die Nutzung von öffentlichen Räumen forschen, JournalistInnen vom ORF und TouristInnen. In den nächsten drei Stunden erklärt Fritz, welche Organisationen wie von Armut betroffenen Menschen hilft.

18 % der in Österreich lebenden Menschen sind von Armut betroffen, in Wien sind es sogar 22,7 %. 8.000 Menschen sind in Wien permanent obdachlos, 7.100 zeitweise. Ihnen stehen rund 4.500 Wohn- und Schlafplätze zur Verfügung. Orte, an denen sie essen, duschen, Wäsche waschen und ihre Post abholen können. Einer davon ist der VinziPort. Bis zu 55 EU-Bürger können hier gegen eine Gebühr von zwei Euro pro Nacht schlafen. Sie erhalten ihren eigenen Spint, Bettzeug und Handtücher und, falls vorhanden, Hygieneartikel. Einen Monat lang dürfen sie hier bleiben.

Bis zur Eröffnung des VinziPort vor fünf Jahren gab es für in Not geratene EU-Bürger keine Übernachtungsmöglichkeit. Die Wiener Notschlafstellen nehmen nur Obdachlose mit E-Card auf.

Das VinziPort versorgt jährlich etwa 20.000 Gäste, der Großteil stammt aus Rumänien und Bulgarien. 70 ehrenamtliche HelferInnen empfangen sie am Eingang, bekochen sie und übernehmen die Nachtschichten zwischen 22.00 und 7.00 Uhr. Die Einrichtung erhält keinerlei öffentliche Gelder. Sie finanzieren sich nur durch Spenden. Ein anonymer Unterstützer zahlt die Betriebskosten und Bäckereien, Supermärkte, Gärtnereien stellen Lebensmittel zur Verfügung.

Fritz kennt die Männer, die hier her kommen. Sie suchen Arbeit, eine fixe Anstellung, finden aber keine. Also stehen sie am Arbeiterstrich in der Triesterstraße und verdingen sich als unversicherte Tagelöhner. „Sie schicken fast jeden verdienten Cent nach Hause“, sagt Fritz. Dann wechselt er plötzlich das Thema, spricht über die Vinzigemeinschaft und das Leben auf der Straße. Langsam ändert sich das Bild in den Köpfen der TeilnehmerInnen: Ein stinkender Sandler wird zum Menschen, der einfach mehr Pech als Glück im Leben hatte: „Ein Mensch ist ein Mensch, egal ob obdachlos ist oder nicht.“

Wiener Tafel

In Simmering, hinter einer Autoverleihfirma, ist das Logistikzentrum der Wiener Tafel. Ein Verein, der Lebensmittel rettet, um sie an soziale Einrichtungen auszuliefern. Täglich sind es rund drei Tonnen abgepackte Lebensmittel, die von SpenderInnen abgeholt und direkt zu Flüchtlingsunterkünften, Obdachlosenzentren und Mutter-Kind-Heimen gebracht werden. Acht Angestellte koordinieren die Abholfahrten von Super- und Grünmärkten, von Bäckereien und Molkereien und 400 ehrenamtliche MitarbeiterInnen liefern die Lebensmittel aus. Die gespendeten Waren stehen entweder kurz vor dem Ablaufdatum oder die Verpackungen sind leicht beschädigt. Lebensmittel, die ohne die Wiener Tafel einfach weggeworfen werden würden.

ZwischenSchritt - „Büro auf der Straße“

Im Mai 2013 eröffnet das österreichweit einzigartige „Büro auf der Straße“ in Wien. Die Stadt hatte das ehemalige Gesundheitszentrum in ein Internetcafe umgebaut. Die Betreiberin, der Samariterbund, stellt wohnungslosen Menschen und NachbarInnen neun Computer mit Internetzugang und die Möglichkeit zu drucken kostenlos zur Verfügung. Eine Stunde lang kann gesurft werden. Wer Hilfe braucht, bekommt sie von den ehrenamtlichen HelferInnen: Vom Bewerbungsschreiben über das Ausfüllen von Formularen bis hin zur Einrichtung von E-Mail-Konten. Regelmäßig werden Computerkurse angeboten. Getränke werden zum Selbstkostenpreis angeboten, Essen darf man selbst mitbringen.

Auf der Tour lernt man nicht nur die Einrichtungen, sondern auch die zahlreichen ehrenamtlichen HelferInnen kennen. Auf die Frage, warum sie sich engagieren, geben alle unisono die gleiche Antwort: „Ich habe alles was ich brauche, mir und meiner Familie geht es gut, deshalb möchte ich etwas an die Gesellschaft zurückgeben.“

Und man kann Fritz wirklich alles fragen. Etwa, was soll ich tun, wenn mich ein/e Obdachlose/r angreift, oder, wie kann ich einem/r Obdachlosen helfen? „Ganz einfach“, antwortet er und sagt die Telefonnummer des Kältetelefons an: 01/480 45 53, die Spendenkonten und die E-Mail-Adressen an die sich jene wenden können, die ehrenamtlich mitarbeiten wollen.

Die von Shades Tours organisierte Tour durch die Wiener Sozialeinrichtungen findet regelmäßig statt. Die Teilnahmegebühr beträgt 15,00 Euro und wer will, kann Fritz eine Schachtel Marlboro kaufen.

Weitere Angebote von Shades Tours sind:
Shades Tours Social Responsibility Pass für Schulen: Präsentation in der Schule, eine Tour und ein aktives Engagement wie z.B. kochen.
Social Active Day Tour: Gruppen kochen in Gruft und besuchen bis zu drei soziale Einrichtungen (ab 420,00 Euro)
After Work – Kochen: Gruppen kochen für Obdachlose (ab 12,00 Euro pro Person)

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