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Kaiser, Krieger, Heldinnen
Kaiser, Krieger, Heldinnen, by Hymon Verlag
Rezension

Kaiser, Krieger, Heldinnen

Sonntag, 29. Juli 2018
Exkursionen in die Gegenwart der Vergangenheit.

„Ein Jammergspü sei das Ganze“ raunzen Fahrgäste im Bus. Seit einigen Minuten versucht die Busfahrerin den Motor zu starten. Dieser schweigt beharrlich. Kein leises Brummen kündigt die Weiterfahrt an. Die Fahrgäste haben das Problem schnell ausgemacht. Eine Frau sitzt am Steuer. Schließlich sagt sie, es gäbe eine technische Panne und bittet die Fahrgäste auszusteigen. Diese sind verärgert, knurren, „ned amal an Bus kanns starten.“ Alltags-Antifeminismus im Jahr 1992. Jenem Jahr, in dem die Wiener Verkehrsbetriebe erstmals Busfahrerinnen und U-Bahnfahrerinnen einsetzen. Bei der Fluglinie AUA dauert es noch gut zehn Jahre länger, erst im Jahr 2001 besteigt die erste Copilotin ein Cockpit. Davor war man der Meinung gewesen, dass Frauen „aus (nicht näher definierten) körperlichen Gründen“ nicht zum Fliegen fähig wären. Dass Frauen seit 1910 Inhaberinnen von Pilotenscheinen waren, scheint kein triftiges Gegenargument gewesen zu sein.

Bettina Balàka

Tradierte und gut gepflegte Vorurteile überleben Jahrhunderte, sind haltbarer als Erinnerungen an Krieg und gefallene Soldaten. Ein gutes Vorurteil ist resistent gegen Argumente und nährt sich durch pausenlose Wiederholungen, wächst, formt neue Äste und macht sich so unzerstörbar. Die Schriftstellerin Bettina Balàka hat einige davon in ihrem neuen Buch „Kaiser, Krieg, Heldinnen“ gesammelt, hinterfragt und deren Skurrilität seziert – mit spitzer Feder und feiner Klinge.

„Uterusbedingten Beeinträchtigungen“

Balàka zeigt Absurditäten, den „surrealen Kontrast“ auf - zwischen festgefahrenem Gedankengut und der Realität. Frauen könnten ob ihrer körperlichen Schwäche, den zarten Händen und den „uterusbedingten Beeinträchtigungen“ keine schweren Arbeiten verrichten. In der Realität hüten sie mit fünf Jahren Ziegen, arbeiten als Jugendliche und Erwachsene zwölf Stunden täglich in Fabriken oder in Heimarbeit. Auch müsse die „empfindsame weibliche Seele“ vor allzu viel Bildung und politischer Teilhabe geschont werden. Erst im Jahr 1918 scheint die „empfindsame Seele“ reif genug gewesen zu sein, das Wahlrecht zu erhalten. Nachdem sie während des Ersten Weltkrieges die Arbeitsplätze der Männer eingenommen hatten. Plötzlich das zuvor abgesprochene technische Verständnis hatten, um Kranführerinnen, Tischlerinnen und Straßenbahnfahrerinnen zu werden. Natürlich ging das nicht ohne verniedlichende Spitznamen wie „Brieftäubchen“ für Postbotin oder „Eisblume“ für Frauen, die auf ihren Schultern schwere Eisblöcke von der Fabrik aus in Haushalte lieferten. Die Annahme, dass das Eindringen der Frauen in Männerdomänen, nur vorübergehend sei, bewahrheitete sich nur teilweise. Die Unternehmer_innen waren mit den Frauen zufrieden und außerdem mussten sie ihnen weniger bezahlen, als den Männern. Schließlich hatten sie weder eine Familie zu erhalten, da sie nur Zuverdienerinnen seien und auch keine entsprechende Fachausbildung. Diese war ihnen jahrhundertelang verwehrt worden, wegen der zarten Hände und dem Uterus.

Die körperliche Konstitution

Die Liste der hartnäckigen Männerbastionen lässt sich unendlich fortführen.
Im Jahr 1965 gab es in Wien die ersten Politessen, zu Polizistinnen würden sie nicht taugen und bewaffnen dürfte man sie auf keinen Fall. Ob ihrer körperlichen Konstitution würde ihnen jeder Verbrecher die Waffe wegnehmen um dann leicht entwischen. Übergewichtigen Polizisten würde so was natürlich nicht passieren. Erst seit dem Jahr 1991 tragen Polizistinnen Waffen.

Die Wiener Philharmoniker nehmen erst Im Jahr 1997 die erste Musikerin auf - eine Harfenspielerin. Nicht ob ihres Könnens, sondern wegen Mangels eines männlichen Pendants. Nach 451 Jahren steigt in der Spanischen Hofreitschule erstmals eine Frau in den Rang eines Besteigers auf. Und, bis heute gibt es keine Bundespräsidentin, keine Bundeskanzlerin und auch keine Gewerkschaftspräsidentin.

Balàkas Exkursionen in die Gegenwart der Vergangenheit machen Mut dies bald zu ändern.

Bettina Balàka
Kaiser, Krieger, Heldinnen
Exkursionen in die Gegenwart der Vergangenheit
Haymon Verlag

EUR 21,90
ISBN 978-3-7099-3424-1
192 Seiten

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