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Dan Polley (danceasar.com)
Ausland

Piraten, Kokosnüsse und Lobster

Donnerstag, 13. Februar 2014
Eine Cessna schlingert durch die Luft, die Angstschreie der Passagiere wecken die Piloten kurz vor dem Landeanflug auf Big Corn Island auf. Etwas unsicher landen sie den Flieger auf der nur halb asphaltierten Landebahn der Atlantikinsel.
Little Corn Island, Reise, Nicaragua
Dan Polley (danceasar.com)

Vom Flughafen sind es nur ein paar Minuten bis zum Strand. Dort lässt Capitan Pedro den 200-PS-V6 Yamaha-Motor aufheulen und treibt mich und die anderen Passagiere an Bord des Bootes. Das Meer sei heute zornig, ruft er mir zu, was das bedeutet, erfahre ich auf der Überfahrt zur 17 km entfernten Nachbarinsel Little Corn Island. Das Boot kämpft gegen die hohen Wellen an. Nur der hoch konzentrierte Blick auf den Horizont rettet meinen Mageninhalt davor, Fischfutter zu werden. Bei jedem Wellengipfel sehe ich Palmen und weiße Strände, vom Bug spritzt Wasser auf uns. Einige versuchen, sich unter einer Plane zu verkriechen. Der Weg zum Paradies war noch nie leicht und immer voller Ungemach. Das zornige Meer wirft nach vierzig Minuten das Boot an den Strand von Little Corn Island.

Dort wartet ein Helfer mit zusammengeschnürten Pepsikisten, die als nicaraguanische Version einer Landetreppe herhalten müssen. Höflich hilft er den seekranken Passagieren aus dem Boot. Frauen sitzen unter Palmen und warten auf Zeitungen, Proviant und Gerüchte vom Festland. Sie lachen, als sie mich glücklich in den Sand fallen sehen. Ich bin erleichtert, dass ich ich trotz meiner panischen Angst vor Seereisen die Passage geschafft habe. Mein Magen hat sich wieder soweit beruhigt, dass ich mich auf Herbergssuche machen kann. Jeder Reisende hat  von Little Corn Island von zwei Erlebnissen zu berichten: Das Stromnetz bricht pausenlos zusammen und es dauert bis zu fünf Wochen, bis die Ventilatoren sich wieder drehen und die Kühlschränke surren. Außerdem hört man, dass die Insel der perfekte Ort für eine Seelenpause ist.

Little Corn Island, Reise, Nicaragua
Dan Polley (danceasar.com)

Mit „24 Stunden Strom“ wirbt ein kleines Hotel. Im Garten steht ein knatternder Generator. Das bedeutet kaltes Bier. Die Flasche Bier und ich setzen sich auf die Terrasse und schauen einem Hummerboot zu. Fischer schneiden den gefangenen Tieren die Köpfe ab und werfen diese ins türkisblaue Meer. Hunderte Fische streiten sich um die Leckerbissen. Ein Fregattvogel taucht seinen weißen Bauch ins Wasser, segelt danach langsam dahin und stiehlt ganz nebenbei einer Möwe den Fisch aus dem Schnabel.

Auf Little Corn gibt es weder Autos noch Motorräder. Nur das Geräusch der brechenden Wellen, Gelächter, Gesprächsfetzen und leise Reggaemusik bilden die Soundkulisse beim Spaziergang um die Insel. Christoph Kolumbus hielt 1502 auf seiner vierten Reisen nur kurz bei den Inseln an, um vom Kannibalenstamm Kukra Kokosnüsse zu kaufen und die Inseln Islas Limonares zu benennen. Nur einer der vielen Namen, die die Inseln im Laufe der Geschichte trugen.

Heute zeugt nichts mehr von Kolumbus oder den Kukra. Der kleine, drahtige Fischermann Oscar erzählt von Haifischen: „Ein großer, mindestens zehn Meter langer Hai hatte gerade eine Schildkröte gefangen. Mein Deckhelfer und ich zogen ihm die Schildkröte direkt aus dem Maul. Am Markt verkauften wir sie für 700 Cordobas. Er grinst stolz, trinkt sein Bier aus und steigt in sein Boot.

Little Corn Island, Reise, Nicaragua
Marliese Mendel

Im Diveshop nebenan wird nicht von Haien gesprochen. Alle Gespräche hier drehen sich nur um die Klarheitsgrade des Wassers und um die Fischarten beim letzten Tauchgang: Delphine, schwarze Drückerfische, Husarenfische, gefleckte Adlerrochen, Riesenzackenbarsch und blaue Doktorfische.

Jose, dem Supermarktbetreiber, scheinen wiederum die Meerestiere unwichtig zu sein. Als er mir eine Flasche Wasser verkauft, erzählt er mir, wie er zu Jesus gefunden hat und seither weder Zigaretten noch Alkohol konsumiert und auch nicht mehr verkauft. Neben dem Markt lebt Rodrigo. Er repariert Motoren, die Teile liegen in der Sonne auf Hummerfallen. Er lächelt, als ich ein Foto von ihm mache. Alle auf der Insel scheinen stets zu lächeln und Zeit für einen Tratsch zu haben: „Geh zum Leuchtturm hinauf, von dort siehst du ‘Gun Point’, dort haben die Piraten eine Kanone vergessen.“ Welcher der vielen Piraten, die ab dem 17. Jahrhundert auf den Inseln Wasser, Lebensmittel und Holz luden, die Kanone vergessen haben, weiß er nicht. Vielleicht der Franzose Jean David Nau der Engländer Henry Morgan? Damals waren die Inseln als Skeleton- oder Mangroveninseln bekannt.

Little Corn Island, Reise, Nicaragua
Dan Polley (danceasar.com)

Der Aufstieg zum Leuchtturm ist steil, auf allen Vieren arbeite ich mich zur Plattform vor. Die Aussicht erfüllt jedes kitschige Klischee: palmengesäumte, menschenleere Strände, dichtbewachsene Hügel, türkisblaues Meer und kleine bunte Holzhäuser. Über mir grinst die Sonne und auf dem Wasser tuckert ein Holzboot vorbei. Es ist Oscar, er winkt und ist auf dem Weg, mein Abendessen zu fangen. Ein leichte Brise bringt den Geruch von reifen Ananas, Mangos und dem Salz der Meeresluft. Bevor der kitschige Ausblick sich in meine Großstadtseele frisst und mir Gedanken aufzwingt, die Altbauwohnung daheim gegen ein Strandhaus einzutauschen, rutsche ich den Hügel wieder hinunter.

Bei einem Ananasfeld treffe ich einen Mann, der Yuccawurzeln schneidet. Er zeigt mir eine grüne Flasche, die in der Sonne steht und erklärt mir, er mache Mangoessig; nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch zum Einreiben bei allerlei Wehwehchen sei dieser viel besser als jede Medizin vom Festland. Ananasessig ist aber noch besser! Den macht er auch, habe aber momentan keinen, sagt er.

Der Tag geht in der Karibik schnell zu Ende. Ich spaziere zurück, vorbei an Rodrigo, der immer noch an seinen Motoren schraubt; Jose liest in der Bibel, vor dem Diveshop wird immer noch von der Wasserqualität gesprochen. Das eiskalte Bier, das in der generatorenbetriebenen Kühltruhe wartet, lockt mich. Bald winkt mich die Köchin zu Tisch; dort hat sich eine kleine Gruppe Reisender eingefunden. Es gibt Hummer in Kokosnusssuppe, serviert mit heißem Kokosnussbrot.

Little Corn Island, Reise, Nicaragua
Dan Polley (danceasar.com)

Nach dem Essen: das Nachtleben. Dieses beschränkt sich aber im Hotel auf neue Bekanntschaften, ein gutes Buch und Reggae aus krachenden CD-Playern. Und Inselgeschichten. Bei Bier und Kerzenlicht erzählt Mr. Downs die Geschichte der Insel, auf der er sein ganzes Leben verbracht hat: von den Kukra, die von den Miskita und deren englischen  Gewehren ausgerottet wurden. Davon, dass die Engländer die Insel schließlich übernahmen und von den afrikanischen Sklaven die auf ihren Baumwoll- und Kafffeeplantagen arbeiten mussten. Als Queen Victoria 1838 das Verbot der Sklavenhaltung unterschrieb, dauerte es drei Jahre, bis die Neuigkeiten in Corn Island ankamen. Die Befreiung der Sklaven wird heute noch mit „Crab Soup Festival“ am 27. August gefeiert. 1914 wurden die Inseln für 99 Jahre an die USA verpachtet und bis 1971 diente die Insel als Marine-Stützpunkt. Seit 1971 werden die Inseln von Nicaragua verwaltet.

Am nächsten Morgen: herrliches Wetter, blauer Himmel – und ein fürchterlicher Gestank. Eine halbierte Frucht liegt auf dem Boden. Sie stinkt nach verfaultem Käse. Trotzdem hebe ich sie auf. Eine Frau sagt zu mir: „das ist die Nonifrucht“.

Sie lädt mich zu sich auf die Veranda ein. Nach einigen Fehlversuchen in Spanisch einigen wir uns darauf, Englisch zu sprechen. Ihr Englisch: Pidgin, was das Gespräch nicht leichter macht. „Täglich weißen Rum mit dem Nonisaft, und deine Leber wird niemals Schaden nehmen“, sagt sie, „Der Nonisaft heilt aber auch Kratzwunden, und man bleibt damit länger jung.“ Ich schaue sie an, sie hat fast keine Falten und dichtes schwarzes Haar. Ich glaube ihr fast, dass der Nonisaft verjüngend wirkt. Sie meint sie sei  68 Jahre alt, genau weiß sie das aber nicht.

Als sie nach Little Corn Island zog, lebten nur sechs andere Familien hier. Aber es kamen Bauern von Big Corn Island, um Yucca, Kokusnüsse und Maniok anzubauen. „Es gab keinen Laden, aber meistens hatten wir kein Geld und hätten sowieso nichts vom Laden gebraucht,“ sagt sie. „Aber die Insel ist immer noch gleich klein und das macht es leicht, die Nachbarn zu besuchen und über Neuigkeiten zu plaudern“, sagt sie. Neuigkeiten? Das verwundert mich, was kann auf der Insel schon erstaunliches passieren?„Die Träume über den Ort, wo der Piratenschatz versteckt sein könnte“, sagt sie. Ich werde neugierig.

„Eine Frau träumte, dass sie ganz früh aufstehen müsse, ihren Ehemann wecken und bei dem großen Baum, dort wo die Boote ankommen, graben solle. Wenn sie ein schwarzes Huhn sähe, dass eine Schlange frisst, dann wüsste sie die genauen Ort des Schatzes. Also stand sie früh auf, weckte ihren faulen Mann  und zwang ihn, mit ihr zu gehen. Er wollte nicht graben, also grub sie. Sie fand nichts”, erzählt sie. Sie hat auch schon geträumt: ein fremder großer Mann würde an meine Tür kommen und mich zu bestimmten Ort mitnehmen. Am nächsten Morgen klopfte wirklich ein fremder Mann an meine Tür, aber ich ging nicht mit, ich fürchtete mich zu sehr. Trotzdem scheint jemand den Schatz gefunden zu haben. “Vor vielen Jahren sah ich eine Frau die alten Schmuck trug, mit großen Edelsteinen und Dukaten. Aber die sind jetzt alle weg,“ erzählt sie.

Mit dem Kopf voller schöner Inselgeschichten und der Vorfreude auf gegrillten Hummer zum Abendessen tauche ich meine Füße in den Atlantik und trete auf etwas Spitzes. Es schimmert golden, als ich es aus der Fußsohle ziehe. Es ist nur eine Anstecknadel eines nicaraguanischen Baseballspielers. Das einzige Souvenir, das jahrelang mit mir durch die Welt reisen sollte, bis es ein amerikanischer Zollbeamter als gefährlich einstufte und in den Mülleimer warf.

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