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Oscar Schmidt (www.oskarschmidt.com)
Homosexualität

„Verurteilt“

Friday, 12. December 2014
In der NS-Zeit standen 4837 Homosexuelle vor Gericht. Man warf ihnen „Unzucht wider die Natur“ vor. Einer davon war Max Kübecks Vater: Baron Stefan Maria. 2014 erschien sein Buch „Die Blaue Brosche“.

In 2090 Prozessen wurden 4837 Beschuldigte wegen ihrer sexuellen Ausrichtung zwischen 1938 und 1945 von dem NS-Regime in Österreich vor Gericht gestellt. 2744 Männer und Frauen wurden verurteilt. Einer davon war Max Kübecks Vater, Stefan Maria. Die Richter verurteilten ihn wegen „Unzucht wider die Natur“ zu drei Monaten schweren Kerker. Er saß die Strafe im Winter 1939/40 ab.

Doch daran wollte sich in der Familie niemand erinnern. Max Kübecks Mutter sagte, sie sei mit ihrem Mann auf Hochzeitsreise in Mariazell gewesen oder er sei wegen der jüdischen Großmutter im Gefängnis gesessen. Max Kübeck widersprach ihr: „Die Hochzeit fand erst 1941 statt“. Er wusste, dass sein Vater nach dem Paragraphen 129 Ib verurteilt worden war, er kannte die Aktennummern. Doch die Akten im Grazer Landesarchiv sind verschimmelt und nicht mehr einsehbar. Keiner sprach darüber oder die Familie behauptete, Max Kübeck würde die Homosexualität seines Vaters nur erfinden, um sein eigenes schwul sein zu rechtfertigen.

Stefan Maria hat auch nie darüber gesprochen. Dafür schreibt Max Kübeck in seinem Buch „Die Blaue Brosche“ darüber, dass man ihn „hätte totschlagen müssen, um zu verhindern, dass er sich mit der Homosexualität seines Vaters auseinandersetze.“ Er begann im Jahr 2000 zu recherchieren und entdeckte viele Familiengeheimnisse: Von den „vergessenen“ jüdischen Vorfahren, der erfundenen Geschichte um die blaue Brosche, von der lesbischen Schriftstellerin Blanche Kübeck, deren echter Vater angeblich Erzherzog Rudolf gewesen sein soll und der, 1942, die Nazis im „Irrenhaus Kaltenleutgeben hinüber geholfen haben sollen“. Max Kübeck enthüllt in seinem Buch Geheimnisse, von denen man in adeligen Kreisen nichts wissen will.

Prozess

Die Familie von Stefan Maria Kübeck musste nach dem Ersten Weltkrieg den Adelstitel ablegen und aus der Burg Ankenstein, im heutigen Slowenien, ausziehen. Sie zogen nach Graz. Die Familie war dagegen, dass Stefan einen bürgerlichen Beruf ergriff, dass er eine Goldschmiedlehre macht. Sie schickten ihn nach Wien und Prag auf Maturaschulen. In Wien traf er erstmals seine spätere Frau Claire Benigni. Er ging zurück nach Graz und wurde Goldschmied.

Stefan Maria Kübeck erzählte seinen sechs Söhnen, dass er mit Tante Irmi im Club Blau-Orange in Graz nächtelang getanzt hat. Einem heimlichen Treffpunkt von „Warmen“. Vor dem Zweiten Weltkrieg. Er sprach aber nicht davon, dass ihm der Besuch des Clubs wahrscheinlich 1937 zum Mitbeschuldigten in einem Prozess gegen Homosexuelle machte. Denn der Paragraph 129 Ib („Unzucht wider die Natur mit Personen desselben Geschlechts“) stand schon seit 1852 im Österreichischen Strafgesetzbuch.

„Ich habe mich klug gemacht, eine Frau kann die Krankheit heilen“

Nach seiner Lehre ging Stefan Maria nach Berlin. In die Welt der Nazis. Hitler war Reichskanzler und einer seiner ersten Amtshandlungen 1933 war, ein Gesetz zu erlassen, dass Pornografie und Organisationen der Homosexuellenbewegungen verbot. Heinrich Himmler sprach von „bevölkerungs-politischen Blindgängern“, von „soziosexuellen Saboteuren“ und „zeugungsmässigen Nieten, die man auf einen Haufen werfen und verbrennen solle.“ In diesem Berlin wohnte Stefan Maria. Seine Schwester versuchte ihn via Brief „umzuerziehen“: „Ich habe mich klug gemacht, eine Frau kann die Krankheit heilen“. Er schrieb in einem Brief an seine Schwester in Paris, dass er sich nicht in staatliche Angelegenheit einmische und daher erwarte, dass der Staat sich nicht in seine einmischt.

Nach seiner Rückkehr nach Graz wurde er 1939 denunziert, verhaftet, verurteilt und inhaftiert. 1940 wurde er aus dem Gefängnis entlassen und in den Krieg nach Frankreich geschickt. Gebrandmarkt durch den Eintrag: Homosexuell in seinem Soldbuch.

Man suchte eine Braut für ihn. Befand, dass die Tanzpartnerin Gräfin Irmi zu spontan und selbstlos sei, um ihn "umzukrempeln". Claire schien die richtige Frau zu sein. Obwohl ihr Vater einen schlechten Ruf hatte, soll er doch vor dem Anschluss ein Spion für die illegalen Nazis gewesen sein. 1938 schrieb Stefans Schwester an ihn, dass es schön ist, dass Claire ihn heiß liebt, sie durch die Verwandtschaft zu den Mayr-Melnhofs materiell besser gestellt sei und dass ein Jahr Verlobungszeit ihm genügend Gelegenheit bieten wird, seine Gefühle in den Griff zu bekommen.“ Wie Stefan Maria sich fühlte, was er wollte, ist nicht überliefert.

„Meine Mutter ist heute 97 Jahre alt“, sagt Max Kübeck. „Früher hat sie nur mit mir über Vaters Homosexualität gesprochen. Jetzt sagt sie ihren Enkeln ganz offen, dass sie einen schwulen Mann hatte. Das es nicht einfach gewesen sei, aber was hätte sie machen sollen? Sie hätte sich mit sechs Kindern nicht scheiden lassen können. Sie hat 1941 einen tollen Mann geheiratet, den sie verehrt hat und in den sie irrsinnig verliebt war. Sie nahm alles in Kauf und dachte sich wohl, 'Ich bin eine schöne Frau, den krieg' ich schon hin'.“

„Mein Vater hatte immer ein schwules Umfeld.“ Seine beiden Kompagnons im Juweliergeschäft waren schwul. Und Claire weiß, dass ihr Mann „so einem G'schminkten“ zumindest zeitweise sein Herz geschenkt hat.

„Die Wut, dass ihr Mann im KZ ist, hat sie zur Widerständlerin gemacht“

Die Hochzeit fand nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis 1940, während seiner Zeit als Wehrmachtssoldat 1941 statt. In der NS-Zeit war Claires Onkel Etho Graf Benigni SA-Sturmbandführer und trug den Blutorden. Ein anderer Onkel, Luigi Graf zu Lodron-Laterano und Castelromano wurde nach dem Stauffenberg-Attentat 1944 ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Eigentlich recht spät, denn schon kurz nach dem Anschluss hat Hitler Legitimisten in Konzentrationslager einsperren lassen.

Die Frauen der Familie hatten sich auf dem Sommersitz Hohe Hube in Vordernberg zurückgezogen. Dort warnte Luigis Frau Gräfin Maria die antifaschistischen Holzfäller vor der herannahenden Gestapo. „Die Wut, dass ihr Mann im KZ ist, hat sie zur Widerständlerin gemacht,“ sagt Max Kübeck.

Doch die Schüsse des Massakers am Präbichl am 7. April 1945 will angeblich niemand gehört haben. Fanatische SA-Männer und Angehörige des Eisenerzer Volkssturms schossen wahllos auf 6000 frierende und hungernde Juden, die auf einem Todesmarsch von Graz nach Mauthausen über den Präbichl getrieben wurden. 250 Menschen wurden ermordet. „Meine Mutter sagt heute noch, dass man nichts gewusst hätte. Nein, sie lügt heute anders: Sie sagt jetzt sie sei gar nicht dort gewesen, sie sei erst zwei Monate später hingekommen“, sagt Max Kübeck.

1946 eröffnete Stefan Maria Kübeck mit zwei schwulen Kompagnons in Graz ein Juweliergeschäft. In den 1960er-Jahren trennte er sich von ihnen und eröffnete seine eigene Werkstatt. Er starb 1977. Ohne seinen sechs Söhnen gesagt zu haben, dass er schwul war. Das erfuhr Max Kübeck erst nach Stephan Marias Tod von Tante Irmi.

Blaue Brosche

Auch hinter dem Familienerbstück, der blauen Brosche, verbarg sich ein Geheimnis. Man erzählte sich, dass die Kaiserin Karolina Augusta, Ehefrau von Kaiser Franz I/II, sie der Familie geschenkt hatte. Als Max Kübeck die Brosche erbte, fiel ihm ein Zettel auf, auf dem stand, dass die Brosche nicht der Kaiserin gehört hatte, sondern seiner Ururgroßmutter aus Frankfurt: Clara Hertz. Einer Jüdin. „Ich konnte verstehen, dass man über die Herkunft der Brosche schweigt oder sie vergisst, aber dass man eine Ersatzgeschichte erfand, das hat mich empört.“ Heute liegt die Brosche in Kübecks Safe.

200 Jahre Familiengeschichte

Max Kübeck hat die letzten 200 Jahre seiner Familiengeschichte zehn Jahre lang durchforstet, hat Briefe und Dokumente von Tanten, Onkeln, Großeltern und Cousinen in Haupt- und Nebenlinien gelesen und gibt einen spannenden Einblick in das aristokratische Leben. „Das Witzige ist, dass die Familiengeschichten oft bei schwulen Verwandten landen. Man ist immer besonders beliebt bei den Tanten und erbt die Miniaturen und Briefe. Sie glauben, ausgerechnet bei uns Schwulen, die wir keine Kinder haben, wird das Leben weiter gehen.“

Erst 1971 wurde der § 129 Ib aus dem Strafgesetzbuch gestrichen und die Verfolgung von Homosexuellen endete fast. Erst 2005 konnte sich der österreichische Staat durchringen, Homosexuellen, die in der NS-Zeit verfolgt wurden, den Opferstatus zuzugestehen. Aber da lebte keiner mehr.

Max Kübeck - "Die Blaue Brosche"
Czernin Verlag
Erschienen 2014
Euro 23,00
Erhältlich in der Buchhandlung Löwenherz - Berggasse 8, 1010 Wien