Marliese Mendel
Kickbikes

Treten Sie noch oder kicken Sie schon?

Freitag, 25. April 2014
Kickbikes muten mit dem großen Vorderrad und dem kleineren Hinterrad seltsam an. dieZeitschrift hat sie getestet und dabei erfahren dass man damit die Tour de France fahren, mit Hunden Gassi rollen und sich das BBP-Training sparen kann.
Kickbike, Wien, Wienerberg, Roller, Guido Pfeiffermann
Marliese Mendel

Vor vier Jahren suchte Guido Pfeiffermann eine Alternative zum Laufsport. Er erinnerte sich an Tretroller, fand ein Kickbike im Internet und bestellte es. Seither rollt er 7000 Kilometer pro Jahr durch Stadt und Land. Fährt damit zur Arbeit und zum wöchentlichen Kickbiker-Treffen an der Alten Donau. Letztes Jahr „kickte“ er sogar die drei Königs-Etappen der Tour de France: 560 Kilometer Am zweiten Tag waren es allein 210 Kilometer und 5.500 Höhenmeter, 20 Stunden am Trittbrett an nur einem Tag. Die Kickbikes eignen sich aber nicht nur für sportliche Höchstleistungen, sondern vor allem als sicheres Transportmittel in der Stadt.

Gassigehen mit dem Hund

„Die wesentliche Neuerung zum traditionellen Roller ist, dass vorne ein großes und hinten ein kleines Rad ist. Dadurch verringert sich der Radabstand und das Fahrverhalten verbessert sich. Das Kickbike schlenkert nicht und ist so wesentlich stabiler als herkömmliche Roller“, sagt Rudi Häubler, der seit fünf Jahren Kickbikes verkauft.

Er hatte ursprünglich nach einem Roller gesucht, um mit seinem Hund Gassi zu gehen. „Mit dem Fahrrad war es zu gefährlich“, sagt er, „vom Roller kann ich sofort absteigen sobald mein Hund in eine andere Richtung will als ich.“ Von seinem ersten Kickbike war er so begeistert, dass er beschloss, den Generalvertrieb für Österreich zu übernehmen. „Die Leute schauen heute noch komisch, wenn ich mit meinen 1,94 Meter auf dem Kickbike heranrolle“, erzählt Häubler, „aber sobald sie selbst fahren, verstehen sie meine Freude an dem Sportgerät.“

Kickbike, Wien, Wienerberg, Roller, Guido Pfeiffermann
Marliese Mendel
Ernst Michalek am Roller

Diese Freude wollte ich auch erleben und traf mich mit zwei Kickbikern, Guido und Ernst, am Siebenbrunnenplatz. Ernst Michalek benutzt den Roller als Stadtfahrzeug. Rollt damit zu Geschäftsterminen und liefert sich kleine Rennen mit Fahrradfahrern; diese sind aber meist schneller als er. Deshalb hat er sich eine Pulsuhr gekauft, damit er seinen Ehrgeiz, mit den Fahrradfahrern mitzuhalten, einschränkt und bei den Terminen nicht vollkommen verschwitzt ankommt. Schon als Kind ist er gerne Roller gefahren, „bis es uncool wurde, weil Fahrradfahren angesagter war“.

Als wir am Siebenbrunnenplatz auf die Roller steigen, ist es aber wieder cool. Fußgänger bleiben stehen, beobachteten uns und wundern sich über drei lachende Erwachsene auf Rollern. Guido erklimmt mit dem Roller sofort die Umfassung des Brunnens. Es ist eindeutig kein Sportgerät, mit dem man in der Masse untergeht.

Schreiende Muskeln

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Guido Pfeiffermann
Selbsttest

Am Weg zum Erholungsgebiet Wienerberg erklärt Guido warum kickbiken ein gutes BBB und Rückenmuskulaturtraining ist: „Jeder Mensch hat ein stärkeres und eine schwächeres Bein, deshalb muss man regelmäßig das 'Tritt-Bein' wechseln.“ Profis springen beim Beinwechsel. Ich versuche es weniger effektvoll, indem ich einfach kurz beide Füße auf das niedrige Trittbrett stelle und so aus meinem „Trittbein“ das Standbein mache. Bei jedem Tritt mache ich eine kleine Kniebeuge, und das geht ordentlich in die Oberschenkel. „Man verkrampft sich am Standbein, das wird mehr angestrengt als das antauchende Bein,“ ruft Guido. Da brennen mir schon beide Beine, und im schreibtischlaschen Hintern schreien die Muskeln ob der ungewohnten Bewegungen.

„Man fährt durchschnittlich mit 15 bis 20 Kilometer die Stunde“ sagt Ernst, „Guido brettert in der Ebene mit über 25 km/h und überholt bergab mit 75 km/h so manchen Rennradfahrer.“ Als ich den Wienerberg raufkicke, bin ich weit darunter und gebe schließlich aus mangelnder Kondition auf. Aber als wir im Erholungsgebiet Wienerberg ankommen, geht der Spaß richtig los. Guido kennt kleine schlammige Seitenpfade, und ich entdeckte wieder die kindliche Lust, durch Pfützen zu rasen. Guido zeigt was man mit Kickbikes auf beinahe vertikal abfallenden Pfaden machen kann. Ernst wartet lieber auf der sicheren Ebene.

Alternative Hinternschmerzen

Guido und Ernst erklären die Vor- und Nachteile des Kickbikens: „Das Frühlingsservice ist schnell gemacht: Vorder- und Hinterrad schmieren, Bremsen kontrollieren und fertig. Keine Sauereien beim Schmieren von Ketten, keine verstellten Gangschaltungen, und etwaige Ersatzteile sind wesentlich günstiger als bei Fahrrädern. Es gibt keine nassen Sättel nach Regengüssen, und Frauen können bequem im Kleid durch die Stadt rollen. Das aufrechte Stehen ist gemütlich, trotzdem wird der ganze Körper bewegt und durch Gewichtsverlagerungen kann man die Belastung gut regulieren.

Viele Fahrradfahrer und Läufer, vor allem ältere Leute mit Gleichgewichtsprobleme, steigen auf Kickbikes um. Es ist wesentlich gelenkeschonender als Laufen und der Hintern schmerzt weniger als nach dem Fahrradfahren. Nachteile sind, dass man kein Gepäck mitnehmen kann, wegen des niederen Trittbrettes an Randsteinen stecken bleiben könnte und eine ziemliche Kondi braucht. Aber der Coolnessfaktor macht das eindeutig wett.

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