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7:1 oder der Ernst des Lebens

Ernst aus Hamburg ist ein armes Schwein. Obwohl er sich derzeit nicht in Brasilien aufhält. Mein Mitleid für den Wahlwiener ist mindestens ebenso groß wie jenes für die brasilianischen Fußballer.

Ernst sitzt in der Strandbar Hermann und trinkt Bier. Viel Bier. Alle vier Jahre wieder trinkt er besonders viel. Eigentlich dachte er ja, dass sich die Situation irgendwann einmal entspannen würde, weil dank David Alaba fünfzig Prozent der Österreicher von Bayern-München-Hassern zu glühenden FC-Bayern-Fans mutiert sind. Doch jetzt stellt Ernst gerade wieder einmal fest, dass ihm, als gebürtigem Hamburger, dieser Umstand nicht das Geringste nützt.

Ernst lebt seit 25 Jahren in Wien und musste sich demnach schon bei sieben Weltmeisterschaften beschimpfen lassen. „In den Zwischenjahren ist es etwas besser“, sagt er. „Bei Europameisterschaften schaukelt sich das meist nicht so hoch auf.“ Wenn weder WM noch EM angesagt ist, habe er durchaus viele Freunde in seiner Wahlheimat. Jetzt aber will wieder einmal keiner etwas mit ihm zu tun haben. Und wenn doch, dann nur um ihn als Piefke, als Maslpiefke oder als Saumaslpiefke beschimpfen zu können.

„Schuld“, so sagt er, „schuld sind nicht die Wiener. Würd‘ ich in Amsterdam oder Zürich leben, dann wär das genau das Gleiche.“ Es sei die deutsche Mannschaft. „Rumpelfußball“ – ein Ausdruck, geprägt von der Bildzeitung – fällt ihm zum aktuellen deutschen Team ein. „Man kann ihnen ja nicht verübeln, dass es immer so aussieht, als hätten sie drei Spieler mehr auf dem Platz“, analysiert Ernst ernst. „Aber dass unter diesen vierzehn Kickern dann immer noch keiner ist, der kreativ und genial ist… das stört mich. Und das stört alle an dieser Mannschaft,“ meint ernst halt, wenngleich zumindest die Kaltschnäuzigkeit der Deutschen durchaus geniale Züge hat.

Ernst hat ursprünglich zu den Holländern gehalten. Dann ist der Bayern-Spieler Robben permanent theatralisch umgefallen, um Elfmeter zu schinden. Und der Unsympatler van Gaal auf der Bank habe ihm den Rest gegeben. „Was soll man von einem Menschen erwarten, der von seinen Töchtern verlangt, mit ihm per Sie zu sein…“ So verzopft seien die Deutschen beispielsweise nicht. Im Match der Holländer gegen Mexiko sei er ins lateinamerikanische Lager übergelaufen.

Die Deutschen mag er nicht, der Piefke aus Hamburg. „Das war nicht immer so“, erzählt er. „2006 hatten wir eine durchaus attraktive Mannschaft, die noch dazu sympathisch war.“ Doch jetzt? „Ich habe einschließlich Australien und Kamerun keine Mannschaft gesehen, die weniger attraktiv spielt als Deutschland.“

„No, Piefke? Heut kriagt’s ane am Huat!“ höhnt ein dicker Wiener mit zwei Plastikbechern voll Bier in der Hand im Vorbeigehen. Ernst lässt sich nichts anmerken. „Wenn der wüsste, dass ich heute voll zu Brasilien halte“, flüstert er. „Wenn Holland und Deutschland gewinnen, dann erkläre ich das Spiel um Platz drei zum wahren Finale“, fügt er hinzu. Zu diesem Zeitpunkt war schließlich noch alles möglich.

Dreißig Minuten später stand es zirka 5:0 für Deutschland. Ernst hatte trotz beeindruckendem Bierkonsum mindestens zwei der Tore mitbekommen. Er musste schmunzeln, weil selbst ein paar Österreicher, die mit Brasilien ungefähr so viel am Hut haben wie Hamburger Fischbrötchen mit Sachertorte, Tränen in den Augen hatten. Andere wechselten, wie es so manchem Wiener halt in die Wiege gelegt ist, mit fliegenden Fahnen die Fronten. Peinlich, wenn dieser Sinneswandel wegen des gelben Brasilien-Trikots nur schwer zu verbergen ist.

Ernst blieb hingegen konsequent. So sind sie halt, die Deutschen: „Ich mag diese Mannschaft nicht“, sagte er emotionsbefreit – trotz der Galavorstellung seiner Landsleute. „Egal, ob sie 17 oder 18:0 gewinnt.“ Gut, 7:1 ist zwar nicht ganz so schlimm, trotzdem wurde der gute Ernst jetzt noch schlimmer gemieden als vor dem Match. Überaus ungerecht. Denn an dieser Zerstörung des brasilianischen Fußballs trägt Ernst ziemlich sicher keine Schuld.

Das unüberschaubare Feld des Sports pflügt und pflegt Jürgen Preusser, seit er 19 Jahre ist. Hauptsächlich und lange Zeit hauptberuflich journalistisch. Von zehn Olympischen Spielen durfte er vor Ort berichten. Segeln, Spielen und Schreiben – das ist und bleibt seine S-Klasse. Wien sieht ihn nur noch in Ausnahmefällen, der Wienerwald hingegen dauernd.