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Das Schlachtfeld der verkannten Genies - von Jürgen Preusser

Polzer-Dreschen ist eine der Lieblingsbeschäftigungen der österreichischen Fußballfans unter den Netzbewohnern. Der ORF-Reporter, der als erster aus dem Zimmer-Huber-Elstner-Seeger-Eintopf rausgekrabbelt ist und einen gewissen Wortwitz entwickelt hat, wird immer mehr zum Lieblingssündenbock, speziell nach mäßigen Darbietungen heimischer Kicker.

Oliver Polzer wird gebasht wie kein Zweiter. Vielleicht, weil er sogar die in ORF-Programmen gänzlich unbekannte Fähigkeit der Selbstironie ein wenig kultiviert hat und sich ab und zu in einen Gag verbeißt. Aber er traut sich wenigstens, obwohl er auf der Watchlist einer Neidgenossenschaft steht, die leichte Abweichungen von der Norm sofort als fatale, groteske Kapitalfehler bewertet.

Den Sport nicht ganz so verbissen ernst nehmen, ohne völlig ahnungslos zu wirken - das ist Polzers und auch Boris Kastner-Jirkas Stärke. Dieser Zugang unterscheidet die beiden wohltuend von einigen anderen Kommentatoren. (Vorsicht! Subjektive Wahrnehmung!)

Besonders geprügelt wurde Polzer nach dem 0:2 gegen Ungarn in Bordeaux. Ansatzlos zog auf Facebook und Twitter ein Shitstorm auf, der bezüglich Intensität und Wortwahl durchaus mit den Van-der-Bellen-Verunglimpfungen rund um die Präsidenten-Stichwahl mithalten konnte.

Sogar deutsche Profi-Schreiberlinge hackten in die Tasten: In der Münchner tz – die Abkürzung dieser Boulevardzeitung ist frei interpretierbar – zog ein Kommentator namens Jörg Heinrich eine offenbar vorgefertigte Polzer-Glosse aus der Lade, in der kein Klischee ausgelassen wurde. Von der raunzenden Sissi, die er offenbar mit der Prinzessin auf der Erbse verwechselt, über Kaiser Franz Joseph und Grinzinger Klageweiber (wer auch immer die sein sollen) bis zum in der Gruft rotierenden Cordoba-Edi Finger Senior. Besonders zum Brüllen fand er es, Alaba als einen Astronauten der Apoll-ö 21 zu bezeichnen. Na gut, in München dürfen wohl auch TV-Kritiker die eine oder andere Maß Bier nehmen. (Siehst Jörg, auch ich kann auf der Klischeewelle surfen!)

Selbst das Expertenoriginal Prohaska versuchte der tz-Heinrich abzuwatschen, was allerdings aus Mangel an Recherche völlig in die Hosn ging: Kein Mensch sagt nämlich Herbie zu ihm, sondern entweder Herbert oder Schneckerl. Und dann auch nicht "das Schneckerl", sondern "der Schneckerl", weil jener einst gekrauste Haare hatte. Dieser Spitzname hat nichts mit einer Schnecke zu tun. Ein Indiz dafür ist der Umstand, dass Prohaska einen schnelleren und besseren Schmäh an den Tag legt als sämtliche ZDF- und ARD-Experten zusammen. Zugegeben eher in privaten Runden, doch zu später Stunde durchaus auch im ORF-Studio.

Die Ikone Prohaska drischt in Österreich kaum noch einer. Abgesehen von den paar Superg'scheiten, die Schneckerls längst zum Markenzeichen gewordene Fallfehler immer noch für peinliche Ausrutscher halten. Den schön sprechenden Deutschen bereitet es hingegen immer wieder große Freude, den ehemaligen österreichischen Operettenkicker ins Visier zu nehmen. Auch dann, wenn die regierenden Weltmeister gerade 0:0 gegen Polen gespielt haben, und die so hoch gepriesenen TV-Reporter journalistisch ein ähnliches Resultat abliefern. Denen fällt es nämlich nicht einmal auf, wenn sie in Interviews von selbstkritischen Spielern wie Boateng unmissverständlich zu härteren Fragen ermutigt werden.

Und gerade diese Faserschmeichler des deutschen Systemfernsehens werden den österreichischen Reportern immer wieder als Vorbilder unter die Nase gerieben. Und die Frage "Warum habt ihr so schlecht gespielt?" heißt in der ARD/ZDF-Amtssprache: "Kann es sein, dass es auf der einen oder anderen Position noch Luft nach oben geben könnte?"

Besonders auf Twitter, dem Klublokal der innenpolitischen Klugscheißervereinigung, tummeln sich alle zwei Jahre zum jeweiligen Großereignis all jene Topstars unter den Meinungsmachern, die den Fußball für einen froschbetriebenen Würfel und sämtliche Protagonisten für IQ-bereinigte Slumdog Millionäre halten, zur genialen Expertise. Dann herrscht intellektuell untermauerte Einigkeit darüber, dass die Österreicher eben einen anderen Sport als die echten Fußballer betreiben. Und darüber, dass deutsche Kommentatoren das Maß aller Dinge sind, während im ORF ausschließlich nationalistische, mit den Fußballern verhaberte Analphabeten hocken.

Auf Facebook hingegen, dem Schlachtfeld aller vom internationalen Qualitätsjournalismus unverständlicherweise unentdeckt gebliebenen Super-Genies, wird routinemäßig auf sämtliche ORF-Kommentatoren eingedroschen. Wer da nicht mithüpft ist ein Außenseiter, ein Idiot, der sich kein "Like" verdient hat. Selbst echte Journalisten lassen sich dazu hinreißen, ihre Branchenkollegen öffentlich zu zermalmen. (Falls einer von denen jetzt recherchieren sollte: Ja, auch ich selbst habe mich schon zu einem Thomas-König-Bashing hinreißen lassen. Das war bevor ich erkannt habe, dass es ganz allein mein Problem ist, wenn ich diesen ORF-Kommentator nicht hören will und kann.)

Ich registriere derzeit zwei Modeströmungen: Deutsche Kommentatoren sind grundsätzlich um Klassen besser als österreichische. Und Oliver Polzer ist sowieso eine völlig indiskutable Witzfigur. Ich schließe mich keiner der beiden Meinungen an. Wer zu Recht die Spaltung der Gesellschaft durch Hass-Postings befürchtet, sollte sich nicht gedankenlos von solchen Strömen treiben lassen. Gerade weil es sich "nur" um Fußball handelt.

Das unüberschaubare Feld des Sports pflügt und pflegt Jürgen Preusser, seit er 19 Jahre ist. Hauptsächlich und lange Zeit hauptberuflich journalistisch. Von zehn Olympischen Spielen durfte er vor Ort berichten. Segeln, Spielen und Schreiben – das ist und bleibt seine S-Klasse. Wien sieht ihn nur noch in Ausnahmefällen, der Wienerwald hingegen dauernd.