Admira - die Maus, die brüllte

Im österreichischen Fußball passiert gerade Einschneidendes, Unglaubliches, Weltbewegendes. Abgesehen davon, dass diese Ereignisse praktisch jedem wurscht sind.

Admira – mit vollem Namen Fußballklub Flyeralarm Admira Wacker Mödling – liegt in der Bundesliga-Tabelle fünf Punkte vor Rapid und hat gerade zwei Mal auswärts gegen die Austria gewonnen. Einmal in der Meisterschaft, einmal im Cup. Die so oft totgesagte Admira bildet das alleinige Mittelfeld der Bundesliga.

Die Ursache dafür, dass der Klub gerade einmal in Mödling und Umgebung ein paar Menschen hinter dem Ofen hervor holt, liegt genau fünfzig Jahre zurück: Damals übersiedelte der Traditionsverein als aktueller österreichischer Meister aus dem Stadt-Dorf Jedlesee im Norden Wiens nach Niederösterreich in die noch im Bau befindliche Gartenstadt Süd am anderen Ende der Stadt.

Der vormals populäre Klub war in der Satellitenstadt von Anfang an ein Fremdkörper und mutierte zur grauen Maus. Die späteren Fusionen – 1971 mit dem maroden Meidlinger Klub Wacker Wien und 1997 mit dem VfB Mödling – änderten daran kaum etwas. Kurioses Detail am Rande: Die graue Maus war sogar ein paar Jahre lang das Maskottchen des Klubs. Bis einer der vielen neuen Klubchefs diese durchaus sympathische Marketing-Idee wieder verwarf. Das wahre Problem war aber keineswegs die graue Maus, sondern der 1967 vollzogene Umzug in die Südstadt. Dieser Aktion war eine gewaltige Portion demoskopische Ahnungslosigkeit zugrunde gelegen.

Wir Südstädter – soeben selbst erst dorthin übersiedelt – waren nämlich Privilegierte. Wir zählten zwar nur zum mittleren bis gehobenen Mittelstand. Viele von uns durften sich die Matches im neuen Fußballstadion nur anschauen, wenn sie in der Schule entsprochen hatten. Das kam aber nur selten vor und war gar nicht so leicht. Denn im Mödlinger Gymnasium Keimgasse mussten die Kinder aus der Südstadt mit geringfügigen Nachteilen rechnen: „Die neureichen Südstadt-Gfraster kriegen bei mir grundsätzlich eine um einen Grad schlechtere Note“, musste sich meine Mutter am Elternsprechtag von einer Professorin sagen lassen. Dabei war diese Schweinerei noch harmlos gegen das ewig gestrige Geschwafel, das wir Schüler uns im Unterricht teilweise anhören mussten.

Den meisten Südstadt-Eltern war es aber auch nicht Recht, wenn ihre Sprösslinge zu eng wurden mit dem Fußball-Klub. Der vermeintliche Prolo-Sport passte nicht ganz in das Bild von der Erfüllung eines Traums: Eigenes Reihenhaus in einer modernen Satellitenstadt! Nein, wir waren keine Schnöselkinder, aber Sprösslinge der Wiederaufbau-Generation. Unsere Bestimmung bestand darin, dass es uns besser gehen sollte als unseren Eltern. Doch die Liebe zum Fußballklub mussten wir Kinder teilweise mit Ungehorsam gegenüber den Eltern verteidigen. Dabei war uns diese wichtiger als der ganze Schulstoff zusammen. Und nach jedem Match mussten die wichtigsten Szenen auf der Wiese neben dem Stadion nachgespielt werden. In Zeitlupe! Der jüngste von uns war Franz Viehböck, der immer den Admira-Verteidiger Emmerich Sommer nachspielen musste. Vielleicht halfen ihm diese Zeitlupe-Szenen später dabei, sich als erster und bisher einziger österreichischer Astronaut in der Schwerelosigkeit des Weltraums fehlerfrei zu bewegen.

Nicht unsere Eltern, aber einige Südstadt-Bewohner gingen sogar gegen die Admira (erfolglos) vor Gericht: Nicht wegen der „Verführung“ von Kindern, sondern wegen der Marschmusik, die an Matchtagen in der ganzen Südstadt zu hören war.

Ich brauchte jedenfalls gar nicht einmal daran zu denken in der Jugendmannschaft der Admira mittrainieren zu dürfen. Der Ehrlichkeit halber: Das lag nur in zweiter Linie am Unmut meiner Eltern. Primär waren meine zwei Linken dafür verantwortlich.

Dahinter verbirgt sich nicht nur eine Ironie des Schicksals: Der Sohn zweier treuer ÖVP-Wähler hat zwei linke Füße in seinen Kinderschuhen stecken und muss daher Basketball spielen. Dann wird er Sportjournalist und ausgerechnet Rapid-Berichterstatter bei zwei Zeitungen: Erst bei Die Presse, dann beim Kurier. Er durfte die Grün-Weißen sogar zum Europacupfinale 1985 nach Rotterdam begleiten. Und nebenbei schrieb er 1991 als Ghostwriter das Buch über einen Kosmonauten namens Franz Viehböck aus der Satelliten-Stadt im Süden von Wien.

Es muss also einfach einmal gesagt werden: Der Klub Admira, der über Jahrzehnte mit bestechender Regelmäßigkeit im Schnitt weniger als 3000 Menschen in sein Stadion lockt, ist etwas ganz Besonderes. Fünf Punkte Vorsprung auf Rapid und innerhalb von nur vier Tagen zwei Siege gegen die Austria. Und das genau fünfzig Jahre nach der Stunde null! Kennen Sie den Peter-Sellers-Film „Die Maus, die brüllte“ aus dem Jahr 1959? Admira ist die graue Maus, die immer wieder brüllt. Ich hätte es jedenfalls nicht mehr für möglich gehalten, dass ich mich noch einmal so diebisch über meine Admira freuen würde.

Das unüberschaubare Feld des Sports pflügt und pflegt Jürgen Preusser, seit er 19 Jahre ist. Hauptsächlich und lange Zeit hauptberuflich journalistisch. Von zehn Olympischen Spielen durfte er vor Ort berichten. Segeln, Spielen und Schreiben – das ist und bleibt seine S-Klasse. Wien sieht ihn nur noch in Ausnahmefällen, der Wienerwald hingegen dauernd.