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Von hyperaktivten Ahnungslosen - von Jürgen Preusser

Das EM-Debakel ist in erster Linie gar kein Debakel, sondern das Ergebnis einer vollkommen falschen Bewertung der Spielstärke. Motto: Was die Meinungsforscher bei Wahlen zusammenbringen, können wir Fußball-Experten schon lang!

Neun Spiele - kein einziger Sieg - drei Unentschieden - sechs Niederlagen - vier geschossene - dreizehn erhaltene Tore.

 

Das ist die Bilanz jener drei Mannschaften, die sich aus der Qualifikationsgruppe G für die Endrunde der EM qualifiziert haben.

 

Daraus ergibt sich folgendes Ranking:

Platz 20 Schweden

Platz 22 Österreich

Platz 23 Russland.

Wohl gemerkt von 24 Mannschaften.

Die Qualifikationsgruppe G war eine Baustelle. Diesen "G-exit" konnte offenbar wirklich keiner voraussehen.

 

Wobei ich besonders die echten Experten in Schutz nehmen muss: Viele von denen haben gewarnt. Haben den Formverlust Alabas erkannt. Einer hat sogar geschrieben, dass ein verletzter Junuzovic unersetzbar wäre. Manche haben das Fehlen eines "Flankengottes" bemängelt. Andere haben öffentlich vorgerechnet, dass zu viele Schlüsselspieler bei zu schwachen Vereinen spielen oder zu selten im Einsatz gewesen sind. Dass andererseits Stars wie eben Alaba überspielt sein könnten.

 

Doch all das wollte keiner hören. Das Problem sind weniger die 999.999 unechten Teamchefs in diesem Land. Das Problem ist viel eher die Werbeindustrie. Alaba als Kika-Cola-Model, Fuchs als Pipi Langstrumpf, Prohaska als Chips-Vertilger, monumentale EURO-Trailer und sonstige schwer übersteuerte Jingles. So wird suggeriert, dass sich dieses Wunderteam, auf das wir ja alle so stolz zu sein haben, den Titel nur noch abzuholen braucht.

 

Ganz abgesehen davon kann aus der chronischen Humorlosigkeit und der haarsträubend kindischen Banalität dieser Einschaltungen abgeleitet werden, was für ein geringer IQ dem gemeinen Fußballfan zugestanden wird.

 

Wie sehr müssen sich all die Laiendarsteller, die in diesen Werbespots auftreten, in den kommenden zwei Wochen in Grund und Boden genieren, wenn sie sich vor dem Hintergrund des schmucklosen Scheiterns in all diesen Jubelposen immer wieder auf dem Bildschirm sehen?

 

Sie können einem leidtun.

 

Bleibt die Frage, warum vorher keiner die Möglichkeit des sang- und klanglosen Ausscheidens in Erwägung gezogen hat. Warum der ÖFB und das extrem gierige Fußball-Business, in dem keiner den Hals voll kriegen kann, diesen unbarmherzigen Hype zugelassen haben - völlig ohne Plan B.

 

Erstens neigen die Österreicher als Bürger eines der schwächsten Fußballländer (und Sportnationen) Europas dazu, die seltenen Gelegenheiten nicht am Schopf, sondern am Hals zu packen und sie dabei gleich zu erwürgen. Die Himmelhoch-jauchzend-und-zu-Tode-betrübt-Mentalität ist hierzulande gnadenlos.

 

Hätte ein Österreicher und nicht ein Isländer das 2:1 geschossen - was vom Spielverlauf her durchaus möglich war - würden "unsere Kicker" jetzt gerade als Helden gefeiert werden. So aber ergießen sich mit Spott und Hohn gefüllte Kübel über die einstigen Helden der Qualifikation, die jetzt plötzlich nicht mehr „zu uns“ gehören.

 

Auf Mob Media - sprich in den sog. sozialen Netzwerken - heißt das teilweise auch blanker Hass. Schande, Skandal, Auspeitschen, in die Wüste schicken, Davonjagen... das sind die Rassismus-bereinigten Versionen. Die übrigen sind schlicht zu widerwärtig, um zitiert zu werden. Sie unterscheiden sich in der Diktion kaum von den verbrecherischen und menschenverachtenden Postings rund um die Stichwahl.

 

Der zweite Grund, warum eine völlig falsche Erwartungshaltung entstanden ist: Die komplette Ahnungslosigkeit der Oberg'scheiten. Aus Erfahrung weiß ich, was in Zeitungsredaktionen los ist, wenn Österreich im Fußball plötzlich positiv überrascht. Verlagsleiter, Herausgeber, Chefredakteure, Marketingstrategen, graue Eminenzen, Theaterkritiker, Society Ladies, Chefsekretärinnen, Astrologinnen und sogar Restaurantkritiker empfangen nach vielen Jahren des totalen Desinteresses plötzlich die fußballerische Erleuchtung. Zwar schreien sie noch immer "Hands", wenn ein Tormann den Ball fängt, doch das hält sie nicht davon ab, hyperaktiv zu werden.

 

Diese verhaltensoriginelle Hyperaktivität führt dazu, dass die Menschen in diesem Land unter Tonnen von rot-weiß-rotem Glanzpapier begraben werden. Unter Foldern, Kalendern, Fußballhoroskopen, Programmheften und Broschüren, auf denen ausschließlich bunt angeschmierte, jubelnde Menschen zu sehen sind.

 

Doch kriminelle Umweltverschmutzung ist nicht einmal das Schlimmste an der vermeintlichen Erleuchtung: Die Mutigsten - weil hierarchisch am höchsten Eingestuften unter den Ahnungslosen - fühlen sich plötzlich berufen, den Sportreportern ihren fußballerischen Willen in die Tastatur der Laptops zu diktieren. In seltenen, besonders bösartigen Fällen verfassen diese Spätberufenen sogar höchst persönlich feurige Kommentare zum Thema Fußball.

 

Jenen Sportreportern, die sich das ganze Jahr über mit diesem Sport beschäftigen, rollen sich in Anbetracht dieser Pulitzerpreis-verdächtigen Kunstwerke zwar die Fußnägel auf, sie können diese aber trotzdem nicht verhindern. Stellen Sie sich bitte den umgekehrten Fall vor. Ein Sportreporter verkündet in der Blattkonferenz: "Den Kommentar über die Wahlanfechtung, den Brexit und die Flüchtlingsbegrenzung schreib' heute einmal ich." Ein Zwangsurlaub wegen Burnout wäre ihm sicher.

 

Ich genier' mich jedenfalls nicht einmal im Ansatz für die österreichischen Fußballer. Die waren in dem ganzen Spektakel mit großem Abstand die bescheidensten und realistischsten Protagonisten. Anders ausgedrückt: die einzigen Profis. Da genier' ich mich schon eher dafür, viel zu lang Teil einer völlig vertrottelten und von abstrusen Werbebotschaften gelenkten Medienlandschaft zu sein.

Das unüberschaubare Feld des Sports pflügt und pflegt Jürgen Preusser, seit er 19 Jahre ist. Hauptsächlich und lange Zeit hauptberuflich journalistisch. Von zehn Olympischen Spielen durfte er vor Ort berichten. Segeln, Spielen und Schreiben – das ist und bleibt seine S-Klasse. Wien sieht ihn nur noch in Ausnahmefällen, der Wienerwald hingegen dauernd.