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Morbus Uli

Es gibt keine Krankheit, die anderen Menschen mehr schadet als dem Erkrankten selbst.

Darüber nachgedacht habe ich nie, weil der Gedanke ja auch zu absurd ist: Angenommen ich hab einen eitrigen Zahn und mein Nachbar krümmt sich vor Schmerz... Kein Thema also.

Dann kam Uli Hoeneß.

Der Superstar unter den Fußball-Managern hat 28,5 Millionen Euro an Steuergeld unterschlagen. Und er prägte das Krankheitsbild „Börsensucht“. Bei Gericht kam Hoeneß nicht damit durch. Das Urteil lautet dreieinhalb Jahre Haft. Unbedingt.

Die aus Politikern, Reportern, Schick-Micks, normalen und abnormalen Fußballanhängern bestehende Religionsgemeinde des FC Bayern München hatte ihrem Uli hingegen bereits verziehen, als von diesem Urteil noch keine Rede war. Selbst der Vorstand des europäischen Vorzeigeklubs stufte das Verbrechen des Aufsichtsratspräsidenten offenbar als Krankheit ein und lehnte sein Angebot, von allen Funktionen zurücktreten zu wollen, vorerst ab.

Zwar hatte der „Stern“ das Verbrechen aufgedeckt, doch jene Medien, die sich ständig mit Fußball beschäftigen, waren mit einem Schlag journalistisch paralysiert: Sie sprachen den Fans und Spielern Trost zu, sie lobten die unglaublichen Verdienste des Finanzgenies Uli Hoeneß, der aus dem großen FC Bayern den ur-großen FC Bayern gemacht hatte, sie sorgten sich um die sportlichen Auswirkungen des finanziellen Outbreaks.

Fernsehreporter stellten selbst auf öffentlich-rechtlichen Bildschirmen mehrfach die Frage: „Wie geht es Ihnen?“ Die Sorgenfalten auf der Stirn des Fragestellers und jene auf der Stirn des befragten Fan-Obmanns, Platzwarts oder Zeugwarts sahen jeweils aus wie der Grand Canyon auf Google Earth.

Ja, die Journaille, die sich seit Jahrzehnten an die Maschendrahtzäune des FCB-Trainingszentrums in der Münchner Säbener Straße krallt, um als Bittsteller Antworten auf Fragen wie „Ist Ihre Zerrung im Oberschenkel schon ausgeheilt?“ zu bekommen, behandelte auch den kapitalen Kriminalfall Hoeneß wie eine Sportverletzung, wie eine Krankheit.

Fußball verdreht die Sinne: Durch die Unterschlagung von 28,5 Millionen Euro hat Uli Hoeneß zwar im Endeffekt auch sich selbst geschadet, davor aber unglaublich vielen Menschen in homöopathischen Dosen. Kult-Status schützt zwar nicht (immer) vor Strafe, offenbar aber vor der in diesem Fall überfälligen öffentlichen Verurteilung.

Es ist nicht auszuschließen, dass ein paar Fans, die dem Klub in religiöser Demut ergeben sind, eine Sammlung für Hoeneß veranstalten. Das sind zum Teil Menschen, die ihre gesamten Ersparnisse Runde für Runde einem Spitzenplatz in der Fankurve des Stadions opfern. Ein Teil dieser Ersparnisse lag bis vor kurzem auf einem Schweizer Nummernkonto.

Und dann streift mich die abenteuerliche Aussage eines Bayern-Schal-Trägers beim Zappen: „Tja, er leidet halt an Börsensucht. Das ist wie Alkoholismus. Das ist eine Droge, eine Krankheit. Da darf man dem Uli doch keine Schuld geben…“

Messen für Uli sollen dem Vernehmen nach auch schon gelesen worden sein im frommen Bayern. Dabei wird angeblich ein ganz besonderer Stern angebetet. Es soll sich um jenen Fußball handeln, den Hoeneß im Elferschießen des Finales der Europameisterschaft 1976 derart hoch übers Tor ballerte, dass er seither in der Umlaufbahn seine Kreise zieht. Damals profitierte wenigstens die Mannschaft der Tschechoslowakei davon, dass Hoeneß übers Ziel geschossen hatte.

Das unüberschaubare Feld des Sports pflügt und pflegt Jürgen Preusser, seit er 19 Jahre ist. Hauptsächlich und lange Zeit hauptberuflich journalistisch. Von zehn Olympischen Spielen durfte er vor Ort berichten. Segeln, Spielen und Schreiben – das ist und bleibt seine S-Klasse. Wien sieht ihn nur noch in Ausnahmefällen, der Wienerwald hingegen dauernd.