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Angstschiss

Versuchen Sie mal, vor einem Schachturnier aufs Klo zu gehen. Es wird Ihnen nicht gelingen.

Man verdrückt es sich, dabei ist höchste Dringlichkeit geboten. Das süß-saure Schweinefleisch vom Asia-Buffet rumort bedrohlich in den Eingeweiden. Lästig zwickt es, um sich den Weg ins Freie zu erzwingen. Man eilt, nein, eher watschelt man verklemmt, da kommt endlich das stille Örtchen der Erleichterung in Sicht. Heftig drückt die Hand die Klinke – und stößt auf stummen Widerstand, die Tür bleibt zu. Kabine zwei: Ebenfalls verriegelt. Nummer drei: Besetzt. Willkommen beim Schachturnier!

Schach ist ein Spiel mit Emotion. Mit viel Emotion – und die geht manchmal direkt durch den Magen. Unmittelbar vor Beginn der Partien ist es oft unmöglich, ein dringendes Geschäft zu erledigen, weil sich der gesamte Turniersaal zur Sitzung versammelt zu haben scheint. Das liegt nicht etwa daran, dass Hölzlschieber zur Laktoseintoleranz neigen. Es ist ihre Aufregung, die – olfaktorisch sublimiert – in der Luft liegt. Dass Nervosität den Darm anstachelt und bis zum Verlust der Kontrolle über selbigen führen kann, ist altbekannt; dass jemand vor Angst in die Hose macht, ein populäres Bild der Alltagssprache.

Lokus pokus

Ein Schachfreund, dessen Darm im Zuge einer Strahlentherapie Verbrennungen erlitt, erzählte mir kürzlich ganz offen, dass er keine Turniere mehr spiele, da sich das stets schmerzhaft auf sein rekonvaleszentes Ausscheidungsorgan auswirke. Bleibt die Frage, wovor wir Schachspieler uns eigentlich anscheißen. Vom Ausgang einer Begegnung auf 64 Feldern hängt üblicherweise nicht besonders viel ab. Natürlich will man gewinnen, sind Ehrgeiz und Kampfgeist ins Kalkül zu ziehen. Eine Niederlage am Schachbrett kann mitunter mehr als bitter sein und das Selbstvertrauen ramponieren.

Ich weiß noch, dass ich im Alter von 16 Jahren nach einer unfassbar peinlichen Pleite weinend aus dem Spiellokal stürmte. Mein Gegner hatte mich „Matt“ gesetzt, zumindest behauptete er das. Ich hatte ihm schon die Hand zur Gratulation gereicht, als jemand vom Nebentisch bemerkte, dass ich mit meinem König einfach nur ein Feld zur Seite fahren hätte können. Ich hielt mich damals für den größten Versager auf dem ganzen Planeten. Das war das i-Tüpfelchen auf die Probleme, mit denen ich ohnehin bereits zu kämpfen hatte (große Nase, mangelnde Coolness, keine Freundin). Ich glaube, ich schloss mich damals konsequenterweise den Rest des Turniertages auf der Toilette ein.

Schneeturm20 Jahre (und viele andere Patzer) später brachte ich mich durch einen extremen Anfängerfehler um die Früchte einer bis dahin fein gespielten Partie. Diesmal genügte es zur Frustbewältigung, anschließend am Parkplatz meine Wut einmalig hinauszuschreien. Einige Jahre an Erfahrung lehren uns eben doch, den Stellenwert einer Schachpartie richtig einzuschätzen. Trotzdem sind es nicht nur Nachwuchsspieler, die die Aborte in Beschlag nehmen. Bei den reiferen Talenten könnten freilich diverse Zipperlein, die sich im Alter nun einmal einstellen, der Grund für ihre reizbaren Därme sein. Wenn das stimmt, bin ich derzeit offenbar gerade im besten Schachspieleralter.

P. S.: Kontraststark vom Braunen zum Schneeweißen. Ich darf Neujahrsvorsatz Nr. 11 auf meiner Liste abhaken.