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Es ist, was es ist

Schach gilt als schnörkellose Verkörperung der Logik. Dabei hat es viele romantische Seiten, man muss sie nur entdecken. Wie zwei Liebende im Schatten einer Hausecke.

Die Spieltheorie nennt Schach ein „endliches Nullsummenspiel mit perfekter Information“. Die Verhältnisse sind für alle transparent, und der Ausgang der Geschichte lässt sich bei entsprechender Rechenkapazität mit Gewissheit vorhersagen. Das absolute Gegenteil der Liebe also.
Man sieht zwar nur mit dem Herzen gut, doch manchmal sind die Augen hilfreich: Betrachtet man das Brett mit seiner Figurenaufstellung, so könnte beides einem schwärmerischen Jungmädchentraum entsprungen sein. König und Königin, an deren Seite Bischöfe (die Läufer) stehen – vielleicht ja, um schon bald ein Liebespärchen im Ewigen Bund zu vereinen. Ein edler Ritter kommt auf Schimmel oder Rappen herangeprescht, um Rapunzel aus dem finstren Turm zu holen.
Noch märchenhafter: Bei der Angebeteten könnte es sich sogar um eine einfache Bauernmagd handeln, denn im Schach kann ein schiacher Bauer, der auf seinem Weg zur gegnerischen Grundreihe nicht einmal einen Drachen zu erschlagen braucht, feengleich in eine wunderschöne Dame verwandelt werden. (Wobei man vor rund 500 Jahren, als die heutigen Spielregeln im Wesentlichen fixiert wurden, über die Möglichkeit der Geschlechtsumwandlung noch nicht ernsthaft nachgedacht haben dürfte.)

Ritter mussten das Schachspiel beherrschen

Ganz real stellte im Hoch- und Spätmittelalter die Beherrschung des Schachspiels übrigens eine der sieben Tüchtigkeiten dar, die ein Ritter beherrschen musste: Neben dem Reiten, dem Schwimmen, dem Bogenschießen, Fechten, Jagen und dem Schreiben von Versen – zur Minne, dem Liebeswerben. Hier schließt sich ein Kreis, denn diese Ära überschneidet sich mit jenem Zeitraum, als der Valentinstag von England aus an Popularität gewann.
Neben dieser Außenbetrachtung wohnt dem Wesen des Schachspiels selbst ein romantischer Anteil inne, der sogar in einer eigenen Stilepoche Niederschlag fand. Die Romantiker waren keine nüchternen Rechner, sondern steigerten sich durch kompromisslosen Angriff auf den gegnerischen König und draufgängerische Figurenopfer in wahre Spielräusche. Es ist kein Zufall, dass die vielleicht bekannteste Partie überhaupt, die spektakuläre „Unsterbliche“, dem Geist dieser Schule entsprang.
Dass ein Preusse, Adolf Anderssen (1818 – 1879), ihr herausragendster Vertreter war, widerspricht allen Klischees; dass mit Wilhelm Steinitz ausgerechnet ein Teilzeit-Wiener die romantische Ära im Schach beendete, ebenfalls. Steinitz krönte sich mit systematischer Analyse und strategisch-positionellem Spiel 1886 zum ersten Weltmeister. Die romantische Schule in ihrer reinsten Ausformung war damit widerlegt, wenn man den Erfolg als Maßstab anlegt. Sie erfuhr allerdings zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg eine Modernisierung, an der mit Rudolf Spielmann und Ernst Grünfeld zwei Wiener führend beteiligt waren.
Da jedoch Erfolg nicht alles ist, was zählt, wird der romantische Stil auch heute noch von Spielern gepflegt, denen es vorrangig darum geht, aufregende und ästhetische Partien aufs Brett zu zaubern. Die nach einer höheren Idee streben, an deren Ende nicht bloß ein Sieg steht. Die sich dafür aber manchmal mit dem Schönheitspreis begnügen müssen. Ein bisserl wie in der Liebe eben.