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Plädoyer für die Relativität der Zeit

Dass eine Stunde sehr schnell oder auch sehr langsam vergehen kann, weiß jedes Kind. Das sollte, bei allem technischen Fortschritt, in manchen Bereichen des Lebens auch so bleiben.

Im Anfang war alles noch sehr einfach. Der frühe Mensch erwachte, als der Morgen dämmerte oder ein Säbelzahntiger unangemeldet auftauchte – da war es dann schon wurscht, wie spät es war. Um 3000 v. Chr. aber kam jemand mit einer Sonnenuhr daher und setzte eine Entwicklung in Gang, an deren aktuellem Höhepunkt Terminplaner und Stress stehen. Längst hat die Zeit ihre Unschuld verloren, und anstatt etwas dagegen zu unternehmen, haben die Schachspieler noch eins draufgesetzt und die digitale Schachuhr erfunden.

Es ging ja noch an, als 1861 die erste analoge Schachuhr vorgestellt wurde. Sie bestand aus zwei drehbaren Sanduhren, und man hätte es dabei belassen sollen. Eine gewisse Zeitbegrenzung war sicherlich vernünftig, denn bis dahin konnten die Spieler über jedem Zug so lange brüten, wie sie es eben für notwendig hielten, um eine starke Fortsetzung zu finden oder den Gegner zu ärgern. Eine Partie konnte folglich schon mal einen halben Tag dauern, und schließlich haben selbst Schachspieler Besseres zu tun als immer nur Schach zu spielen. So fand also die „Zeitnot“ ihren Weg ins Schachvokabular, und bezeichnenderweise wurde sie als Germanismus unübersetzt in viele Sprachen übernommen.

Bis vor knapp 20 Jahren fand man mit solchen, mittlerweile mechanischen, Uhren das Auslangen. Man konnte sie nicht auf die Sekunde genau einstellen oder in der Schlussphase eines Matches durch einen Blick feststellen, ob man jetzt noch zehn oder doch dreißig Sekunden übrig hat. Doch irgendwie gehörte das dazu, es war Teil der Herausforderung.

Mit den digitalen Schachuhren wurde das anders, ihre Präzision hat die letzte Unschärfe aus jeder Begegnung getilgt. Dabei ist sie ebenso ein Irrweg, wie es die digitale Armbanduhr der 1980er-Jahre war: Sie ging zwar exakter – aber was bringt eine Anzeige von Hundertstelsekunden, wenn die Reaktionszeit beim Starten und Anhalten der Stoppfunktion einen viel größeren Messfehler erzeugt? Sie konnte zwar mehr – allerdings nur begrenzt Sinnvolles, etwa die Temperatur anzeigen. Digitale Schachuhren zum Beispiel eröffnen neue Spielmodi, die in Wahrheit niemand braucht: Man bekommt für gemachte Züge Zeit gutgeschrieben. Das ist in etwa so, als würde man bei jedem Schritt, den ein Läufer macht, das Zielband um einen Schritt weiter nach hinten verschieben.

Sie tickt nicht richtig

Während jedes Kind eine Uhr mit Zeigern bedienen kann, muss man für eine Digitaluhr eine Gebrauchsanleitung studieren. Ist die Batterie leer, erfüllt sie mit ihrem erloschenen Display nicht einmal einen dekorativen Zweck. Und selbst ticken kann sie nicht – dabei ist das in unserer Wahrnehmung das deutlichste Zeichen verrinnender Zeit.

Zugegeben, für einen fairen sportlichen Vergleich braucht es standardisierte Bedingungen. So wie Tennisplätze stets gleich groß sind, sollen fünf Minuten immer fünf Minuten sein und kein Spieler wegen eines nicht exakt justierbaren Zeitmessers eine halbe Minute weniger zur Verfügung haben als sein Konkurrent. So soll es sein, wo es wirklich um etwas geht, also im Spitzenschach.

Im Hobbybereich aber können wir uns an der Relativität der Zeit erfreuen und sie als Teil des Spiels auffassen. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig – das sind drei Sekunden. Diese Definition ist uns näher, als es die knapp 27,58 Milliarden Schwingungen eines Cäsium-133-Atoms sind, die drei Sekunden viel präziser beschreiben.

Mitte Juli richten wir am Cobenzl ein Blitzturnier ganz in diesem Sinne aus. Die Bedenkzeit der Teilnehmer variiert je nach Spielstärke zwischen einer und zehn Minuten – dieses ausgleichende Reglement begünstigt die Schwächeren. Ein Bewerb, den es nach streng standardisiert-sportlichen Kriterien eigentlich gar nicht geben dürfte, der aber gerade deshalb jedes Jahr gut ankommt. Gespielt wird natürlich mit altmodischen Analog-Uhren, die man zwecks Entschleunigung sogar selber aufziehen darf.