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Schräge Töne

Aus der Serie „Seltene Berufe“: Viel war zuletzt auf diezeitschrift.at von Komponisten die Rede. Es ist daher nur logisch, auch einmal von den Schachkomponisten zu erzählen.

Sie kennen sicherlich diese Schachrätsel, die meist am Wochenende in Tageszeitungen abgedruckt werden. Die abgebildeten Stellungen stammen entweder aus tatsächlich gespielten Partien oder sind von einem klugen Kopf ganz absichtsvoll so zusammengebaut worden: einem Schachkomponisten eben. Dieser macht dasselbe wie ein Musikkomponist, nur mit Schachfiguren an Stelle von Tönen. Aus ihnen schöpft er ein Gesamtkunstwerk, das im Idealfall so noch nicht dagewesen ist, das durch harmonische Schönheit bezaubert oder durch Unkonventionalität besticht. In beiden Fällen hat das Opus einen ästhetischen und einen handwerklichen Wert, es kann überkandidelt sein oder bemerkenswert ökonomisch und trotzdem prächtig. Die Schachkomposition ist eine Kunst, und sie ist mehr als tausend Jahre alt.

Man darf ruhig Parallelen ziehen zwischen den Kreativköpfen der Musik und jenen des Schach. Im Vergleich zum Notenblatt kommt am schwarz-weiß karierten Brett sogar noch ein potentieller Erkenntnisgewinn dazu: Wer sich eine Schachkomposition ansieht, kann daraus lernen. Während Konzertbesucher und Radiopublikum selbst kein Instrument beherrschen brauchen, müssen Konsumenten von Schachstudien sehr wohl Schachspieler sein und bekommen gleich vor Augen geführt, welche Überraschungen in einer Stellung stecken. Einer Melodie zu lauschen, ist einfacher, als an einem Schachrätsel zu kiefeln, und das ist sicherlich mit eine Ursache für die mangelnde Popularität der Schachkomponisten. Wahrscheinlich fallen Ihnen spontan zehn Musikkoryphäen ein, doch kein einziger Schachautor. Überraschung: Auf Wikipedia  finden Sie mehr als 400.

Glückliche Selbstmörder

Während Musiker meistens verhungern, steht bei Schachspielern die Einsamkeit besonders häufig auf dem Totenschein. Bei Komponisten ist das besonders arg, könnte man denken, da sie für ihr Schaffen im Gegensatz zu Otto Normalschachspieler nicht einmal einen Partner brauchen. Sie täten sich auch schwer, einen zu finden, denn sie rechnen nicht drei Züge voraus, sondern oft fünfzehn, und der Computer ist ihr bester Freund – er hat ihnen die Angst vor der größten aller Peinlichkeiten genommen: Dass irgendjemand da draußen ihr Rätsel anders (d. h. in weniger Zügen) lösen könnte als von ihnen beabsichtigt.

Trotzdem darf man es sich nicht so vorstellen, dass Schachkomponisten sozial völlig isoliert mit gebeugtem Rücken in schwach beleuchteten Räumen mit schlecht ausgeweißelten Wänden sitzen. Schachkomponisten sind nämlich ganz hervorragende Ausweißler. Der Schachkomponist an sich ist sogar ein überaus zufriedener Mensch, schließlich bekommt er – bekocht von seiner Mutter und unbelästigt von stürmischen Fans – von den Problemen der echten Welt in seinem reinweiß ausgemalten Zimmer oft gar nichts mit. Manche aus der Zunft schäumen in der Folge geradezu über vor lauter Phantasie. Beim so genannten Märchenschach erfinden sie noch Figuren mit lustigen Gangarten wie Grashüpfer, Nachtreiter und Zentaur, weil sie mit der schnöden Unendlichkeit des gemeinen Schachs gar nicht das Auslangen finden. Sie sind damit quasi die Zwölftonmusiker des Schach. Oder dessen Suizidkünstler, wenn sie den Weißen zwingen, sich selbst Matt zu setzen, obwohl der Schwarze es paradoxerweise um jeden Preis verhindern will. Gelingt der Selbstmord, ist das Glück vollkommen.

Es ist also durchaus erstrebenswert, ein Schachkomponist zu sein. Nur eines drückt dem Manne aufs Gemüt: Dass man sein Betätigungsfeld Problemschach nennt. Musikkomponisten würden es sich nie gefallen lassen, wenn man ihnen nachsagte, sie machten Problemmusik. Außer in der Volksmusik.

Bild:  Leopold Stocker Verlag