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Neue Heimat

Wie man zwanzig Schachspieler vom Berg ins Tal verpflanzt. Wie sie dort ein Herz aus Gold finden. Und wie man sich im Kino täuschen kann.

Dreizehneinhalb Jahre lang bin ich donnerstäglich meistens in den 38A gestiegen und von Heiligenstadt über die Höhenstraße zur Station Cobenzl/Parkplatz gekurvt. Habe sommers den Ausblick auf die Stadt bewundert und im Winter den vereisten Märchenwald am Berg. Hab das Café Restaurant Cobenzl betreten, mit dem Kellner ein paar Worte gewechselt, das ewig gleiche Spiel des Pianisten zur Kenntnis genommen und den Weg zu den Schachkollegen eingeschlagen. Dort meine Partien versemmelt oder doch wieder mal jemanden über den Schachtisch gezogen, in jedem Falle einige launige Sprüche vernommen und selbst geklopft. War über das desolate Häusl bestürzt, bin aber letztlich gut gelaunt und gelegentlich mit einem Bier zuviel wieder in den Autobus gestiegen – nie zu spät, denn Sperrstund war auf Wiens heiligstem Schachberg meistens schon um 21 Uhr.

AllesDer Cobenzl bot ein unvergleichliches Ambiente vorbei, denn jetzt wird die Hütte zugedreht. Der Pächter von Café und Schloss hat einen mehrjährigen Rechtsstreit gegen die Stadt Wien verloren, muss das Feld räumen. Und unser Schachklub mit ihm. Den Slogan „Wiens Schachklub mit den besten Aussichten“ werden wir umdichten müssen. Aber zuallererst stellt sich die Aufgabe, mit unserem Hölzlschieberverein überhaupt einmal in einem neuen Lokal unterzukommen. Die meisten Wirten, bei denen wir anfragen, winken in Erwartung stundenlang besetzter Tische, zu denen man eher kommen muss, um die Kundschaft aufzuwecken denn zu bedienen, diplomatisch ab: „Tut uns leid, am Mittwoch sind wir schon immer sehr voll. Ja, am Donnerstag auch.“ Haben gar Angst um ihr Leben: „Schade, an dem Tag ist der Hubertus-Club da, mit dem wollma nicht ins Gehege kommen.“ Oder verweisen aufs Politische: „HeanS, i mag ja das Schach. Das war das einzig Gute bei die Kommunisten. Andrerseits, i bin ja kaa Kommunist net.“

 

Wenn dann aber doch einige der rund zwanzig Vereinskollegen bei sich zuhause ein Gasthaus ums Eck aufsuchen und dort nachfragen, dann ergibt sich früher oder später eine Gelegenheit. So sind wir jetzt also auf der Dresdner Straße gelandet. Den einzigartigen Ausblick über die Stadt haben wir verloren, ja, wir haben nicht einmal ein Fenster in unserem Extrazimmer, stattdessen einen lauten Kühlschrank. Der einzige Schachklub in unserem Bezirk sind wir auch nicht mehr, und überhaupt muss sich erst weisen, ob unsere älteren Mitglieder jetzt wirklich eine andere U-Bahn und dann die Bim an Stelle des Bus nehmen werden. Was im ersten Moment wie ein Abstieg vom schachlichen Olymp klingt, könnte sich trotzdem als Glückgriff erweisen: Der Dresdnerhof ist weniger abgelegen als der Cobenzl, dafür gibt es dort einen jungen, aufgeschlossenen Wirt, eine ordentliche Speisekarte und keine Diskussionen mehr, wo geraucht werden darf und wo nicht. Besonders mit einer Aktion in der letzten Jänner-Woche gewinnt der Lokalbesitzer sofort unsere uneingeschränkte Sympathie: Obdachlose bekommen bei ihm zu Mittag kostenlos eine warme Mahlzeit samt Getränk.

In unserer neuen Heimat stoßen wir also gleich wieder auf Menschen mit Herz – so wie beim Abschied von unserer alten: An unserem letzten Weihnachtsturnier am Cobenzl hatten im Dezember mehrere Flüchtlinge teilgenommen. Sie waren mit Kineke Mulder gekommen, einer in Wien lebenden Niederländerin, die uns in dieser Kolumne bereits zwei Mal indirekt begegnet ist, nämlich als Teil der Projekte Frau Schach wie auch Train of Hope. Es wäre schön, wenn wir sie dieses Jahr zu Weihnachten an unserer neuen Heimstätte wieder begrüßen könnten. Es wäre nicht er erste Kreis, der sich hier schließt.

Irren ist schächlich

Unternehmen wir noch einen Abstecher ins Kino. Jüngst dachte ich, es wäre mein Glückstag – gleich zwei Schachfilme binnen weniger Stunden auf Wiens Großbildleinwänden! Also sah ich mir zuerst „Bauer unser“ an. Nur ist das gar keine filmische Hommage ans Königliche Spiel, sondern eine Doku über Sinn und Wahnsinn der modernen Landwirtschaft. Jedenfalls ein Streifen, der Ihnen, egal welche Beziehung Sie zum Agrarsystem bereits haben, doch noch einen neuen Blickwinkel darauf eröffnen wird; und somit nicht minder empfehlenswert als „Magnus – der Mozart des Schachs“: Ebenfalls eine Doku, die allerdings schon nicht mehr im Kino läuft. Sie besticht in erster Linie durch private Aufnahmen aus dem Leben von Magnus Carlsen, der heute der Größte der Schachszene ist. Wenn man aber den kleinen Magnus weinen sieht, weil seine Schulkollegen ihn mobben („es ist schwer, cool zu sein, wenn Du Schach spielst“), dann fragt man sich, ob es Wolfgang Amadeus als Dreikäsehoch wohl ähnlich gegangen ist – und ob man aufs Coolsein nicht einfach sch… sollte.