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Der Geruch von Schach und Schachteln

Düfte und Geschmäcker wecken Assoziationen in uns. Auch das Königliche Spiel hat sein eigenes Odeur. Mitunter ist es grausig, aber am Ende ist es immer gut.

Wer Kinder hat oder wählen geht, kennt den Geruch von Volksschulen: Sie riechen nach Pick, Putzmittel und aufgehängten Turnsackerln. Autowerkstätten, Kasernen und unterirdische U-Bahn-Stationen erkennt man ebenfalls blind an den Eindrücken, die einem in die Nase steigen. Eine Frau, die auf der Straße an einem vorübergeht, trägt dasselbe Parfum wie die Verflossene – es ist nur ein Hauch, der mich streift, doch tausend Erinnerungen verdichten sich sofort in meinem Bauch… Was wäre das Leben ohne die Düfte? Als Sinneswahrnehmung oft unterschätzt, führen sie uns in der Zeit zurück, regen die Phantasie an, kitzeln uns süß oder lassen uns erschaudern. Kein Wunder, dass es auch Schach-Gerüche gibt.

Für die Aromen eines Klubs oder Turniersaals sind drei Komponenten entscheidend: Das verwendete Spielmaterial, die Hygiene- und Verhaltensstandards der Protagonisten und natürlich die Lokalität an sich. Klar, dass es in einem Wirtshaus anders riecht als in der modernen Gemeinde-Mehrzweckhalle. Da kann es fetteln, nach eingetrocknetem Kaffeesatz riechen, oder es dominiert der Duft von sonnensattem Glas. Bei Vereinsabenden wird vielleicht geraucht, bei Turnieren ist daran schon lange nicht mehr zu denken. Vor 25 Jahren war das noch anders.

Was der Nase wirklich nahe geht, ist das Unmittelbare. Stets hat man die Schachfiguren vor sich und nimmt sie in die Hand. Plastik oder Holz?, lautet hier die Gretchenfrage. Wobei für das Raumklima die Aufbewahrungsart der Steine fast noch wichtiger ist. Holzkisterln lassen den Schachfreund idealerweise in ferne Wälder entschweben, während Stoffsackerln, vor allem aber Kartons ein muffiges Aroma verströmen. So muffig, wie man sich Schachspieler klischeehaft vorstellt. Das muss freilich nichts Schlechtes sein – mir zumindest geht es so, dass ich bei der Witterung einer modrig-feuchten Schachschachtel sogleich e4, f4 spielen und mit einem fiesen Grinsen ausrufen möchte: „Königsgambit! Da kennst Du Di net aus, das weiß i genau.“

Odol her, Odol her, oda i foi um

Wenn nur die Schachspieler nicht wären! Immer kommen sie einem so nah. Das ist ja meistens gut gemeint, schließlich wollen sie die Turnierruhe bewahren und dem Gesprächspartner daher zwar aufgeregt, doch höchst intim ins Ohr flüstern, wie überragend sie gestern gegen einen Elo-Riesen gestanden sind, bevor ein unvorhersehbares Springermanöver sie blöderweise die gewonnene Partie gekostet hat. Oder sie verraten einem die besten Züge, die es eben jetzt zu spielen gelte. Dem verständnisvoll nickenden, durch den Mund atmenden Zuhörer, der in der Enge des Turniersaals so schnell kein Fluchtfeld findet, tut der Mundgeruch grad freilich doppelt weh, vor allem wenn der Gesprächspartner seine Partie schon hinter sich hat und bereits beim dritten Bier angelangt ist. Der Schachspielerkörper dünstet von der Achsel bis zum Fuß in all der Emotion. Und die Hemden sehen nicht nur so aus, als wären sie in den 80er-Jahren gekauft worden – sie dürften damals auch zuletzt gewaschen worden sein.

Schach verlangt also nicht nur Hingabe, sondern darüberhinaus olfaktorische Leidensfähigkeit. Dafür tut sich dem Freund der 64 Felder ein ganzes Universum an Eindrücken auf, da man im Laufe der Zeit viele verschiedene Spielstätten und noch viel mehr Menschen intensiv kennenlernt. Doch selbst, wenn man seinen Geruchssinn verloren hätte oder völlig immun wäre gegen alle diese Impressionen: Am Ende jedes Schachspiels kostet man den süßen Geschmack des Sieges oder den bitteren der Niederlage. Und das heißt LEBEN.

P. S.: Blickkontakt & Chess Unlimited

Zwei bemerkenswerte Schachturniere finden demnächst in Wien und Umgebung statt. Vom 23. bis 29. September findet in Schwechat das siebentägige Blickkontakt-Open statt, dessen Ziel das Miteinander sehender und sehbehinderter Menschen ist. Am 20. Juni, dem Weltflüchtlingstag, wiederum richtet der Schachklub Roter Bauer ab 16 Uhr vor dem Café 7stern in Wien-Neubau ein Schnellschachturnier aus, das ganz gezielt Österreicher mit und ohne Migrationshintergrund am Brett vereinen will. Zu einem ähnlichen Bewerb dieser Art, dem „Chess Unlimited“ Ende Mai im Augarten, kamen mehr als 50 Teilnehmer – dazu ein philosophisch-atmosphärischer Bericht in der Tageszeitung Der Standard.