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Schwanzvergleich

Männer tun es oft, Frauen tun es selten. Und Schachspieler tun es ständig: Schauen, wer den größten hat.

Es passiert in der Schwimmbad-Umkleide, in der Sauna, nach dem Sport unter der Dusche: Männer werfen unauffällig einen Blick auf das Gemächt der Nachbarn. Dabei geht es gar nicht so um den einen Zentimeter mehr oder weniger, sondern eher darum, sich einordnen zu können. In einer zunehmend komplexen Welt gibt ein einfach zu messendes Merkmal sicheren Halt.

Bei Frauen ist das schwieriger. Bei ihnen kommt es nicht auf eine Messlatte allein an, sondern auf mehrere Faktoren: Busen, Bauch, Beine, Po, Oberschenkeldicke, Orangenhautdichte usw. – dieser Vergleich ist nicht binnen Sekunden zu ziehen und fällt auch nie ganz eindeutig aus, denn ein schöner Augenbrauenschwung macht Schwimmhäute wieder wett. Frauen schauen daher zwar auch, doch deutlich weniger reflexartig und fixiert.

Am schlimmsten ist es aber wieder einmal bei den Schachspielern. Sie haben nämlich den ultimativen Maßstab zur Verfügung: Die Elo-Zahl. Diese vom fiesen US-Ungarn Arpad Emrick Elo ersonnene Größe gibt die Spielstärke eines Hölzlschiebers an. Ähnlich wie das Handicap beim Golf, nur noch viel brutaler: Beim Golf spielt man ja eigentlich gegen den Platz, beim Schach aber wirklich gegeneinander.

Da gerät die Frage „Wieviel Elo hast Du?“ schon zum Einstieg ins Ballyhoo. Denn die Antwort bestimmt das Alpha-Tier und setzt unwillkürlich Denkprozesse in Gang: Muss ich mich fürchten, oder bin ich umso motivierter? Spiel ich lieber vorsichtig, oder fahr ich den Schwächling zsamm? Bin ich womöglich bereits mit einem Remis zufrieden? – Und das alles, obwohl noch gar kein Zug gespielt worden ist. Ganz Clevere nutzen das aus und beschwindeln den Kontrahenten je nach Interessenlage, schrauben ihre Elo-Zahl also um ein, zwei Spielstärkeklassen nach oben oder unten.

Die Last des Erfolgs

Das Rating ist die Heilige Kuh der Turnierschachspieler. Stets hat man es im Hinterkopf: Nur keine Elos einbüßen! Kann ich meinen Rekord toppen? Verliere ich jetzt schon das dritte Mal in Folge Elo-Punkte? So groß sind die Begehrlichkeiten, dass es sogar Leute gibt, die sich als Kanonenfutter bezahlen lassen, um anderen Elo-Steigerungen oder Meistertitel zu verschaffen.

Das absolute Non-plus-ultra war etwa bis zur Jahrtausendwende die internationale Elo-Zahl. Sie war besonders exklusiv, da sie erst ab einer gewissen Höhe vergeben wurde. Unvergessen jener Schachfreund, der sich bei einem Turnier ein für seine Verhältnisse fantastisches Ergebnis und daher eine schön anzusehende internationale Elo-Zahl erspielte, die weit über seiner tatsächlichen Spielstärke lag. Ein toller Erfolg, möchte man meinen, doch wurde er zur Bürde: Der Mann spielte in der Folge nie mehr einen Bewerb im Ausland, denn da hätte er ja mit großer Wahrscheinlichkeit Elo-Punkte verloren.

Glücklicher – und meiner Erfahrung nach auch besser, weil lockerer in die Partie gehend – ist, wer dem Zwang zum Schwanzvergleich nicht unterliegt und sein Rating als bloßen Spiegel seines Könnens sieht, nicht etwa umgekehrt.

Einen neuen Rekord hat übrigens gerade der US-Italiener Fabiano Caruana (22) aufgestellt, der 2008/09 für den SK Husek Wien engagiert war. Beim vielleicht stärkstbesetzten Schachturnier der Geschichte in St. Louis erzielte die Nummer 2 der Weltrangliste die bisher unerreichte Elo-Leistung von 3103.

Ein aufgestellter Rekord ist freilich ein zu brechender Rekord. Es ist ähnlich wie beim Yachten-Vergleich: Da setzte sich heuer der Emir von Abu Dhabi mit seiner 180 Meter langen „Azzam“ 17 Meter vor Roman Abramowitsch an die Spitze. Man darf davon ausgehen, dass der russische Oligarch das nicht auf sich sitzen lassen wird. Freud hätte seine Freude damit gehabt. Wir Schachspieler auch: Unser Hobby kommt wenigstens billiger.